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Eine göttliche Aufgabe
Interview mit Roland Wieser




Roland Wieser hatte eine Vision: Im Spätsommer 1999 nahm der heute 40-jährige Steuer- und Unternehmensberater aus Roth bei Nürnberg an einer Trekking-Tour in Ladakh teil. Wieser, der seine Aufgabe schon seit früher Jugend darin sah, anderen Menschen zu helfen und sie zu beraten, wurde sich plötzlich einer großen Aufgabe bewußt: Hier in Ladakh sollte ein Treffpunkt für Menschen aus aller Welt entstehen, denen vor allem eines am Herzen liegt: einfach Mensch zu sein.
 


Herr Wieser, können Sie uns erzählen, wie der Plan für den Bau des Klosters Thagchokling entstand?

Gerne. Vor knapp zwei Jahren hat mich eine Bekannte gefragt, ob ich Lust hätte, mit nach Ladakh zu kommen und dort an einer Trekking-Tour teilzunehmen. Damals wußte ich noch nicht einmal, wo Ladakh liegt, aber ich habe spontan zugesagt. Wir waren noch in der Akklimatisationsphase und machten zunächst ein paar Jeep-Ausflüge zu bekannten Klöstern. Schon da überkam mich das Gefühl: "Hier fühlst du dich wohl." Es war wie ein Nachhausekommen. Aus diesem Gefühl heraus kristallisierte sich der Gedanke, hier etwas zu bauen - einen Ort ohne Zwänge und Grenzen, ohne Religion und Dogma, um über den Sinn des Lebens und menschliche Werte zu diskutieren und philosophieren.

   
 

Wie ging es dann weiter?

Ich sprach über diesen Gedanken mit unserem damaligen Guide, Dorje Fargo, und noch während der Tour schauten wir uns nach einem passenden Ort um. In einem kleinen Seitental des Indus' kamen wir zu einer Ansiedlung, die sich ca. 3 km entlang eines Wasserlaufs erstreckt: das Dorf Ney - und ich wußte, wir hatten gefunden, wonach wir suchten. Ich konnte spüren, daß wir an einen besonderen Kraftort gelangt waren, für mich wie ein "stairway to heaven", an dem ich mich Gott ganz nahe fühlte. Dort stand ein baufälliges, altes Kloster, nur noch von einem Mönch bewohnt. Wir sprachen ihn an, erkundigten uns nach den Besitzverhältnissen - und damit war ich plötzlich mittendrin in diesem Projekt. Ich mußte dann zwar zurück nach Deutschland, doch mit Hilfe von Dorje Fargo konnte nach einiger Zeit und Anstrengung der Besitzer ausfindig gemacht und die Nutzungsrechte geklärt werden. Es stellte sich heraus, daß das Grundstück vor langer Zeit einem buddhistischen Würdenträger, Lochos Rinpoche, aus Dankbarkeit geschenkt worden war. Und so unglaublich es klingen mag: Dieser religiöse Führer aus dem Vertrautenkreis des Dalai Lama hatte Jahre zurück die gleiche Vision - auch er sah an diesem Kraftort ein Retreat-Center für Menschen aus aller Welt, doch fehlten ihm die Mittel und Möglichkeiten dafür ... So konnte ein gutes halbes Jahr nach meinem ersten Besuch in Ladakh, am 10. April 2000, bei strahlendem Sonnenschein der Grundstein für das Kloster Thagchokling gelegt werden.

     
  Nun ist das Kloster fertiggestellt und wurde am 3. Juni 2001 feierlich eröffnet. Doch wie ging der Bau vonstatten und wie wurde er finanziert?
  Baufortschritt

Wenn man bedenkt, daß ein Teil des Baumaterials aus anderen Regionen Indiens hierher geschafft werden mußte, daß Ladakh während des Winterhalbjahres auf dem Landweg nicht erreichbar ist und der gesamte Bau ohne Maschinen errichtet wurde, hat alles wunderbar geklappt. Es waren meist 20 bis 25 Frauen und Männer da, die wirklich voller Enthusiasmus alles mit der Hand gemacht haben,

  selbst Steine aus dem Felsen schlagen und den Mörtel anrühren. Finanziert wurde das ganze Projekt von mir - vom ersten Sack Zement bis zur letzten Matratze. Für mich ist das wie eine heilige Aufgabe, ein Auftrag, den Gott mir erteilt hat. Und mit seiner Hilfe konnten wir es auch realisieren.
   
 

Haben Sie für das Kloster noch Pläne, die über Ihre Vision, einen Platz für die Menschen dieser Welt zu schaffen, hinausgehen.

Ja. Es sollen in den kommenden Jahren noch ein Kindergarten, eine Schule und ein Heilzentrum für die Bewohner von Ney entstehen. Anfangen werden wir nächstes Jahr im Frühling. Das Hauptanliegen dabei ist, den Menschen vor Ort zu helfen, sich ihrer heilerischen Fähigkeiten und traditionellen Wurzeln wieder mehr bewußt zu werden, sie zu kultivieren und zu bewahren. Schon den Kindern soll dies nahegebracht werden. Momentan liegen dort sowohl das Bildungssystem als auch das Gesundheitswesen sehr im Argen.

   
 

Welchen Einfluß haben die tibetisch-buddhistische Kultur und Religion bzw. die Lebensanschauung der Ladakhis auf Ihr Leben genommen?

Die Wurzeln meines Glaubens liegen sicher in der christlichen Lehre. Ich habe mich über 20 Jahre im sozialen Bereich der katholischen Kirche engagiert. Doch ich war immer offen für eine andere Sicht der Dinge, für andere Weltanschauungen. Mein Bestreben war und ist, Menschen dabei zu helfen, Lösungen zu finden; das gilt im sozialen wie auch - bei meinem Beruf - im wirtschaftlichen Bereich. Dabei spielt eine bestimmte Religion keine Rolle. Wichtig ist, Mitgefühl für andere zu haben und sich so zu verhalten, daß man niemanden verletzt. Mein Lebensmotto und im Grunde die zentrale Aussage aller Weltreligionen ist doch: sich selbst zu lieben und alle anderen so anzunehmen, wie sie sind. Was mich an den Ladakhis fasziniert und gleichzeitig bestätigt, ist ihr Gefühl dafür, was wirklich wichtig ist. Zumindest ist das in den Dörfern so, dort ist die Gesellschaft noch intakt. Diese Menschen leben im Hier und Jetzt, nehmen auch schwierige Lebensbedingungen an, jammern nicht, sondern strahlen vielmehr Dankbarkeit für ihr Dasein und einen inneren Reichtum aus. Für sie ist jeder Tag ein neues Geschenk, und es tut gut, in ihre Gesichter zu schauen ...

   
 

Wie sehen Sie die Auswirkungen eines - wenn auch sanften - Tourismus' auf die Menschen in Ladakh?

Ich denke, das hängt sehr vom Verhalten der Besucher ab. In Gesellschaften, deren materieller Reichtum nicht besonders groß ist, sollte man sehr vorsichtig im Umgang mit Geld sein. Es bringt nichts, einem Armen Geld zu geben. Wer etwas tun möchte, sollte lieber in gemeinnützige Projekte investieren, von denen viele etwas haben. Hilfe zur Selbsthilfe heißt das Motto, um der ladakhischen Bevölkerung die Möglichkeit zu einem besseren Lebensstandard zu geben. Denn es ist traurig, wenn man nach einem Winter mit bis zu 30 Grad minus einem bekannten Gesicht begegnet, das durch die Kälte um Jahre gealtert zu sein scheint - nur weil kein Heizmaterial da war ... Darüber hinaus muß man klar erkennen: Der Einfluß des Westens hat bereits seine Spuren hinterlassen, und man kann das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Vielmehr sollte man versuchen, eine gute Verbindung zwischen West und Ost zu schaffen, also das Beste beider Welten zusammenzuführen. Wenn man zudem den Menschen vor Ort zeigt, daß man ihre Lebensanschauung zu schätzen weiß und sich ihren Gewohnheiten anpaßt, ist das gleichzeitig eine Bestätigung für sie.

   
 

Eine letzte Frage: Was haben Ihre Familie und Ihre Freunde zu diesem enormen Engagement gesagt?

"Du spinnst!", war die einhellige Aussage. Und sie haben auch nicht geglaubt, daß es zu realisieren sei. Doch mit Hilfe "von oben" hat es funktioniert, und nun sind sie auch anderer Meinung: Immer mehr Leute finden es wirklich toll, was dort geschaffen wurde.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Retreat - Center
 
 
     


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