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Abendzeitung
6./7. März 2004
Auflage: 265.300
Thailand mit Familienanschluß
Wer in fernen Ländern Urlaub macht, bleibt dort meist ein außen stehender Betrachter einer fremden Kultur. Das muss nicht immer so sein, denn in einem Dorf im Norden Thailands gibt es die Möglichkeit zu Urlaub mit Familienanschluss. Auf diese Weise können Ost und West entspannt aufeinander zu gehen, und dem Fremden erschließen sich dabei Welten, zu denen er normalerweise als Tourist keinen Zugang hätte.
"Ihr dürft den Bambus ruhig ein wenig dünner hobeln", kommt die Anweisung von Großmutter Yai, der Küchenchefin, kurz aber bestimmt, und folgsam bemüht sich die kleine Runde der Gäste um eine akkurate Behandlung der anvertrauten Lebensmittel. "Wäre ich doch bloß meditieren gegangen" mag manch einer denken, der Küchenarbeit ohnehin lieber anderen überlässt. Möglich wäre dies ohne weiteres, denn "Joy`s House" in Thailands nördlicher Metropole Chiang Mai ist etwas Besonderes.
Hier werden die Farangs - so nennen die Thai die "Langnasen"aus dem Westen - in den erweiterten Kreis der Familie aufgenommen um so das Thailand der Thailänder kennen zu lernen. Wie intensiv, das bleibt jedem selbst überlassen. Eine Möglichkeit ist es, bei den Vorbereitungen zum Abendessen zu helfen. Und, was noch viel spannender ist, die Hausfrau beim Gang über den Lebensmittelmarkt zu begleiten.
Der Ort, an dem die Einheimischen ihr Essen kaufen, ist weit weniger malerisch als die Märkte, die Touristen normalerweise zu sehen bekommen. Dennoch türmen sich an Dutzenden von kleinen, dicht an dicht platzierten Ständen die exotischen Köstlichkeiten Siams in jedem Aggregatszustand der Küche. Roh, zur weiteren Verarbeitung bereit. Im Prozess des Bratens, Dünstens oder Köchelns oder bereits als fertiges Gericht zum Mitnehmen oder als Snack direkt am Stand. So schlendert man vorbei an Bergen kräftig rot leuchtender Rambutans, duftenden Basilikumbüscheln und den stacheliggen. gelben Riesenfrüchten, um die westliche Nasen lieber einen weiten Bogen machen, denn nicht von ungefähr wird die siamesische Lieblingsfrucht Durian auch Stinkfrucht genannt.
Joy, das Familienoberhaupt, erklärt während des Einkaufs alles genau. Nicht nur, dass Durian wegen ihrer Nährstoffe so beliebt sind. Auch welche Chilli sich für welches Curry eignen oder welche Zutat am besten zu Wasserspinat schmeckt. "Habt Ih schon die Insekten probiert"?, ruft Gae. Als Freund des Hauses kümmert er sich um die Gäste. Jetzt schiebt er mit breitem Grinsen einen Käfer zwischen die Zähne. Die Langnasen zögern. Aber durch Gae ermuntert, fassen einige Mut, und tatsächlich sind die Bambusraupen mit ihrer chipsähnlichen Konsistenz wider Erwarten durchaus schmackhaft. Nur an die Rieseninsekten, die täuschend Kakerlaken ähneln, wagt sich keiner.
Vom Markt zurück treffen die Gäste auf Bothieng. Der Mönch aus Laos verweilt zum Studium in Chiang Mai und führt in "Joy``s House" interessierte Gäste nicht nur in verschiedene Arten der Meditation ein. Er ist es auch, der Besuchern aus dem Westen das Wesen des Buddhismus näher bringen kann. Wer noch tiefer in die buddhistische Lehr und Meditation eintauchen will, dem vermittelt Joy einen Meditationsaufenthalt im nahe gelegenen Wat Ram Poeng. Dessen Mönche lehren die so genannte Vipassana-Meditation, deren Ziel es ist, durch das Training der Aufmerksamkeit Selbsterkenntnis zu entwickeln. Ob man danach das Leben in westlichen Konsumgesellschaften noch genauso weiterführen will, ist fraglich. Falls ja, kann man mit Joy bei den besten Schneidern der Stadt zu Einheimischen-Preisen seine Garderobe zu komplettieren. Gut angelegt, wäre das Geld auf jeden Fall, unterstützte man damit doch eines der sozialen Projekte, wie eine Schule für Aids-Waisen, , die Joy fördert und bei denen sich auch Gäste mit Rat und Tat engagieren können.
Was auch immer. Die Eindrücke des Tages lassen sich am besten bei einer abendlichen Runde durch Chiang Mai verarbeiten, bei der der Familienanschluss besonders zum Tragen kommt, denn mit Gae entdeckt man Kneipen, in die noch nicht viele Farangs ihre langen Nasen gesteckt haben. Buchung: Wer Thailand mit Familienanschluss erleben möchte: Sieben Tage in Joy`s House gibt es mit Flug von München via Bangkok nach Chiang Mai, Transfers und Vollpension ab 882,- Euro im DZ, 14 Tage ab 959,- Euro. Buchbar bei Lotus Travel Service, Baaderstr. 3, 80469 München, Tel. 089/ 201 12 88, Internet: www.Lotus-Travel.com
Roland Schuler
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