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Süddeutsche Zeitung
Zeitraum: 9. März 2004
Auflage: 426.500
Im Garten des Königs
Hilfsprojekt mit Gästezimmern: Auf Joy`s Farm am Stadtrand von Chiang Mai leben thailändische Waisenkinder und Touristen zusammen.
Die etwas andere Pension am Stadtrand von Chiang Mai wird von einer zwölfköpfigen Thai-Familie geführt. Sie bringt offenbar ein besonderes Fingerspitzengefühl für kulturell sensitiven Tourismus mit. Das hölzerne Familiendomizil, ein traditionelles Mittelkasse-Wohnhaus im Lanna-Stil, steht im auf Stelzen, die zehn Gästezimmer gruppieren sich um den Innenhof und ein großzügiges Wohnzimmer mit Bibliothek. Touristen fühlen sich nicht ganz so fremd wie sonst, denn sie werden nicht als "Falangs", als Fremde, sondern als Mitglieder der auf zeit erweiterten Familie betrachtet.
Die Gäste können mit Jampee auf dem Markt einkaufen, ihr beim Kochen über die Schulter schauen oder mit Großmutter Yai "Miang" kauen, den etwas bitter schmeckenden thailändischen Ökokaugummi aus grünen Blättern und Ingwer. Und wenn sie glück haben, dann ist sogar ein Gästezimmer auf Joy``s Farm frei.
Dort erleben sie dann eine Facette der thailändischen Realität, die weit entfernt ist vom Erfahrungshorizont des durchschnittlichen Pattaya-Touristen. Joy ist seit dem Tod ihres Vaters uneingeschränktes Familienoberhaupt. Wie viele Thailänderinnen studierte sie Home Economics und hat inzwischen mit einem Restaurant samt Pension schon viele Arbeitsplätze geschaffen.
Ihre Farm liegt eine gute Autostunde von ihrem Elternhaus in Thailands zweitgrößter Stadt entfernt, auf einem vulkanisch fruchtbaren Gelände im Forst von König Bhumipol, umgeben von Wäldern und Hügeln. Auf den Feldern baut Joy nach ökologischen Kriterien Gemüse, Obst und Erdnüsse an, und hier gibt sie inzwischen mehr als zwanzig Kindern in extremer Not eine neue Heimat. Es sind Kinder, deren Eltern verschwunden oder an den Folgen von Aids gestorben sind. Manche von Ihnen haben auf sich alleine gestellt im Urwald gelebt, weil ihre Väter und Mütter wegen Drogenhandels im Gefängnis saßen oder als Staatenlose auf der Flucht aus Burma sind.
"School for Life" - "Schule des Lebens" - nennt sich das ungewöhnliche Projekt, an dem neben Joy auch der Pädagogikprofessor Jürgen Zimmer von der FU Berlin beteiligt ist. Und an denm auch die Besucher von Joy``s House in Chiang Mai teilhaben können.
Vier Gästebungalows stehen auf der weitläufigen Farm für sie zur Verfügung. Das gemeinnützige Projekt, das neben Spenden auch von den Einnahmen durch den Tourismus unterstützt wird, steht unter dem Dach einer Stiftung, des thailändischen "Rural and Social Management Institute" (RASMI), sowie unter dem Patronat des Königs. Auf Joy`s Farm bekommen die Kinder nicht nur ein Dach über dem Kopf und endlich genügend zu essen, sie werden hier auch unterrichtet, erfahren Respekt, Zuneigung und lernen das Leben in der Gemeinschaft. Mit ihrem thailändischen Lehrer üben sie lesen, sxchreiben und rechnen und mit den deutschen Volontärinnen, die sich hier ein paar Wochen engagieren, buchstabieren sie englisch.
"Nachdem sich herumgesprochen hatte", dass wir Kindern in Not helfen wollen, standen plötzlich fast täglich neue Schutzsuchende vor der Tür", sagt Anne, eine junge deutsche Pädagogikabsolventin, die seit einigen Wochen in der "Schule des Lebens" volontiert. Tula etwa, ein achtjähriger Junge vom Stamm der Lahu, einem der vielen Bergvölker im Grenzgebiet zu Burma und Laos, ist erst seit einer Woche auf der Farm. Ein Nachbar fand den Jungen im Wald auf und brachte ihn hierher. Inzwischen kann der Lahu-Junge schon seinen Namen schreiben. Den hat er sich übrigens selbst gegeben, er bedeutet auf Thailändisch soviel wie "etwas praktisches tun". Mit unverhohlenem Stolz führt er die Besucher aus dem fernen Europa zur neuen Wasserpumpe und demonstriert, wie durch Umlegen eines Hebels Wasser aus der Erde sprudelt. Noch steht die "Schule des Lebens" erst am Anfang: Ihr langfristiges Ziel ist es, so Zimmer, den Heranwachsenden berufliche Perspektiven im Sinne einer buddhistisch inspirierten Ökonomie zu vermitteln, sie zu sozial verantwortlicher Eigen initiative zu erziehen. Deshalb arbeitet die "Schule des Lebens" nicht isoliert, sondern bildet ein Netzwerk mit dem Nachbardorf Pongkum, mit Schulen und Hochschulen in Chiang Mai und Bangkok. Dazu war viel Vertrauensarbeit nötig, sagt Zimmer, der mittlerweile mehere Monate des Jahres in Thailand lebt. "Es hat lange gedauert den Bürgermeister von Pomgkum davon zu überzeugen, dass wir Kindern in Not wirklich helfen und ihre Notlage nicht ausnützen wollen. In dieser Region blüht der Kinderhandel. Verarmte Familien aus den Grenzgebieten verkaufen ihre Töchter an skrupellose Händler, die sie in den Städten auf den Strich schicken".
Wo die Not besonders groß ist, da blüht auch das Geschäft mit der sexuellen Ausbeutung. "Bird-shit-Falang" - "Vogelscheiß-Touristen" nennt Joy die geschätzten 40 Prozent Besucher, die vor allem der käuflichen Liebe wegen nach Ching Mai kommen. "Es ist schade, dass im Ausland ein so einseitiges Bild von unserem Land verbreitet wird," bedauert die Thailänderin, die sich als praktizierende Buddhistin darum bemüht , "ihren" Kindern die traditionellen Werte der thailändischen Kultur zu vermitteln.
Die naheliegende Vermutung, Prostitution und Aids seien in erster Linie eine Folge des Sex-Tourismus, weist Joy zurück. In Thailand sind Prostitution und Promiskuität seit jeher verbreitet. Achtzig Prozent der thailändischen Männer, zitiert Zimmer aus einem Artikel der Bangkok Post, haben in einer Umfrage zugegeben, dass sie fremdgehen.
Auf Joy`s Farm können "Falangs" nicht nur die ruhige Umgebung genießen, Wälder und Dörfer erforschen, sie gewinnen auch Einblicke in die thailändische Wirklichkeit, wie sie die Touristen am Strand von Phuket nicht zu sehen bekommen. Sie können am Unterricht der Kinder teilnehmen und abends mit ihnen zu den heißen Thermalquellen von Pongkum gehen, wo sich alle zusammen mit den Dorfbewohner auf Thai-Styl waschen: in Unterwäsche und Sarong am Beckenrand sitzend. Sie können Dschungelstreifzüge unternehmen und sich zeigen lassen, wie man in der Wildnis überlebt. Viele der Kinder haben lange im Urwald gelebt, sich von wilden Früchten, Pilzen und Insekten ernährt.
Und manchmal packen die Touristen sogar selbst mit an in der "Schule des Lebens" und lassen ein Stück eigener Lebenserfahrung zurück. Edgar, der als Kunststofftechnikerlange Jahre im Ausland gearbeitet hat und in seiner Freizeit leidenschaftlich Rennrad fährt, repariert mi To und Som Chai die hauseigenen Mountainbikes, die sich in einem desolaten Zustand befinden. Dabei lernen die nicht nur die kleinen Thailänder etwas Neues, sondern auch der Deutsche: die hohe Kunst der Improvisation. Denn Werkzeuge unde Ersatzteile stehen auf der Farm erst mal nicht zur Verfügung. Doch als Edgar nach vier Tagen abreist, hinterlässt er Joy`s Kindern ein unscheinbares aber nützliches Souvenier - einen Schraubenschlüssel.
Joy`s House und Farm sind zu buchen über den Münchner Reiseveranstalter Lotus Travel Service, 80469 München, der für jede Reise eine Spende von 25,- Euro für die Schule des Lebens integriert.
Bettina Winterfeld
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