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Elle
Erscheinung: 18. März 2004
Auflage: 337.669
Ayurveda
Mein Therapeut heißt Biju, ist Mitte 20 und hat auf der Stirn einen roten Punkt von seinem allmorgendlichen Tempelbesuch. Er lächelt mich an, träufelt mit duftendes Öl auf den Scheitel, schließt die Augen und murmelt ein Gebet. Mit steichenden, klopfenden und reibenden Bewegungen massiert er meinen Kopf, den Oberkörper und die Arme. Sehr angenehm - aber auch verwirrend. Denn indische Frauen ziehen zum Baden nicht mal den Sari aus. Daran muss ich mich gewöhnen: In den nächsten 14 Tagen wird mein Ayurveda-Programm jeden Tag mit einer Ganzkörpermassage beginnen. So lange dauert die Reinigungskur, die ich im "Coconut Bay Beach Resort" im indischen Bundesstaat Kerala gebucht habe.
Warum ich hier bin? Weil ich das Gefühl hatte, ein "normaler" Urlaub reicht nicht aus, um meine leeren Akkus wieder aufzuladen. Und weil ich ausprobieren will, ob ich es schaffe, den alten Kontrollfreak in mir auszuschalten, mich ausnahmsweise einmal nicht für alles verantwortlich zu fühlen. Stattdessen werde ich mich zwei Wochen lang widerspruchslos in die Hände eines Teams von Masseuren, Köchen und Ärzten begeben. Außer Massagen und ayurvedischem Essen sieht mein Behandlungplan vor: einen Fasten- und Abführtag und fünf Einläufe. Klingt ein bisschen beängstigent. Aber ich bin fest enrschlossen, mich allen Erfahrungen zu stellen - auch den weniger angenehmen. Als echte Ayurveda-Streberin erscheine ich jeden Morgen um Viertel nach sieben zum Yoga, trinke brav nach jeder Anwendung vorgeschriebenen Spargelsaft, verzichte auf meine Gelegenheitszigarette, Alkohol und Cola. Und bin froh, dass ich wenigstens an einer Gewohnheit festhalten darf: dem Früstückstoast mit Marmelade.
Was ich außerdem essen soll: Gurken, Bohnen, Ananas und Bananen. Alles Lebensmittel, die mein Vata- und Pitta-Dosha ins Gleichgewicht bringen, erklärt Dr. Franklin, unser Arzt. Ayurveda, das "Wissen vom langen Leben", unterscheidet drei energetische Grundkräfte: Vata, Pitta, Kapha. Auf der Basis dieser Doshas werden die Menschen nach Konstitutionstypen eingeteilt. Ich bin ein Mischtyp aus Vata und Pitta. Das verschafft mir das Privileg, aus zwei der drei Speisekarten, die die Küche für die drei Doshas bereithält, mein Menü zusammenstellen zu dürfen. Ich freue mich auf Shirodhara, den Stirnguss, und Pizhichil, das Ölbad, von dem Stefania, meine italienische Zimmernachbarin, mir vorschwärmt: Sie habe sich wie im Mutterbauch gefühlt. Auch ich genieße es. Das warme Öl, das über meinen Körper fließt, erinnert mich an flüssigen Honig. Was mich am siebten Tag ein wenig irritiert: Auch beim dritten Stirnguss stellt sich keine Entspannung ein. Das Nirwana ist weit entfernt. Ich höre die Krähen kreischen, und meine Gedanken kreisen um ganz banaler Fragen: Soll ich nach meiner Kur eine Hausboot-Tour machen? Oder doch lieber zuerst nach Cochin? Fahre ich mit dem Zug oder mit dem Bus?" mein Nacken schmerzt, mein Kopf liegt auf wie ein Felsbrocken auf der Unterlage. Meine Sinne sind so sensibilisiert, dass jede Erschütterung der Holzpritsche sich anfühlt wie ein Erdbeben. Shirodhara, der Traum aller Ayurveda-Fans ist für mich eher ein Alptraum. Zum Glück ist morgen Abführtag. Das bedeutet: Es findet kein Treatment statt, und ausnahmsweise fasst mich mal niemand an!
Nach der eintägigen Pause genieße ich die Massagen umso mehr. Die Reisbeutelmassage duftet lecker nach Milchreis und macht meine Haut blütenzart. Und die gefürchteten Einläufe sind weniger schlimm, als ich angenommen habe. Bis auf Kshayavasthi, eine Behandlung, bei der mir ein Liter Öl-Honig-Kräuter-Gemisch verabreicht wird. Die ungewohnte Anwendung bringt meinen Körper und meine Seele aus dem Gleichgewicht: Ich fühle mich arm, klein und verlassen. Als ein Therapeut auch noch warmes Wasser über mich gießt, befiehlt auch mein Unterbewusstsein: Wasser marsch! Ich verwandle mich in ein weinendes schlotterndes Häufchen Elend. Das muss sie wohl sein, die Krise, die die meisten Kurgäste irgenwann erwischt.
Zwei Tage später ist das Tief überwunden. Meine Kur ist fast vorbei. Zeit, Bilanz zu ziehen. Die Gelassenheit eines echten Yogis werde ich wohl nie erreichen. Aber immerhin: Der Spiegel zeigt ein Gesicht mit ausgeruhten, entspannten Zügen. "Du strahlst von innen", sagen meine Mitstreiter. Auch der Arzt ist mit mir zufrieden. Mein Pitta-Dosha ist ausbalanciert. An Vata, sagr er, muss ich noch arbeiten. Die Massagen von Biju fehlen mir schon jetzt.
InfO: 14 Tage Ayurveda-Kur "im Coconut Bay Bech Resort" kosten beim Asien-Spezialisten "Lotus Travel Service" (Tel. 089/ 201 12 88, www. Lotus-Travel.com) ab 1550,- Euro pro Person im Bungalow-Doppelzimmer. Mi Flug, Vollpension, Yoga. Die Anlage liegt südlich von Trivandrum, Kerala, Südindien.
Bettina Winterfeld
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