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Hamburger Abendblatt
Zeitraum: 6./7. März 2004
Auflage: 281.000
Sri Lanka: Zurück ins Reich der Sinne
King coconut, frisch vom Baum?, fragt der schwer beladene Singalese und köpft die junge, grüne Kokusnuss mit einem gezielten Schlag seines Buschmessers. Der Saft ist bereits leicht angegoren und hat fast das Stadium eines "Toddy" auf dem Übergang zum "Arrack" erreicht, diesem preiswerten Whisky-Ersatz mit garantiertem Rauscheffekt.
Eigentlich darf ich Toddy nicht trinken. Heute nicht und den Rest der Zeit auf dem Tropeneiland auch nicht. Doch wer braucht schon berauschende Getränke im Paradies? Da fällt ein weiterer Verzicht viel schwerer. Vor meiner Hängematte unter einer schattigen Palme schwappt der Indische Ozean zum Greifen nah an den breiten Sandstrand, Betota Beach genannt. Tiefgebräunte Touristen tauchen ab in die Dünung oder entern eine archaische Dhau. So heißen die aus Holzstangen und Sisaltauen zusammengeknotete Auslegerboote, mit denen noch heute die Fischer nachts aufs Meer segeln, um mit Marlins oder Thunfischen zurückzukehren.
Das Meer - die verbotene Frucht der Kurgäste. Die Versuchung ist stark, doch ich erliege ihr nicht. Heute nicht, und morgen vielleicht nur ein bisschen. Denn wie die Urlauber auf den hölzernen Dhaus vollziehe auch ich einen Zeitsprung. Rund 5000 Jahre hat es gedauert, bis eine uralte Heilkunst wiederentdeckt wurde, um die megamodernen Zivilationskrankheiten zu kurieren. Ayurveda heißt die Zauberformel, in Sanskrit auf Palmenblättern verewigt, von Generation zu Generation indischer "Medizinmänner" weitergegeben, von der großen Mutter Indien irgendwann auf das einstigeSerendib - das spätere Ceylon und heutige Sri Lanka - hinübergeweht.
Inzwischen teilen sich Südindien und Sri Lanka den Trend der Rückkehr zu einer natürlichen Medizin, mit jeweils verfeinerten Abwandlungen. So wird auf der buddhistischen Insel nie mit den Füßen massiert, weil es als beleidigend gilt, jemanden damit zu berühren. Für den Stirnguss "Shirodara" - in Indien gern mal mit kühler Kräutermilch durchgeführt - wird in Sri Lanka fast ausschließlich warmes Öl verwendet. Dafür verwöhnt hier nach Abschluss der Anwendungenein duftendes Blütenbad.
Ayurveda-Anlagen sprießen auf der knapp 66.000 Quadratkilometer großen "Perle im Indischen Ozean" wie Bambus aus dem Boden. Denn seit dem Waffenstillstand zwischen singhalesischen Regierungstruppen und tamilischen Separatisten sowie der Hoffnung auf einen endgültigen Frieden schwillt der Touristenstrom stetig an. Bereits jeder zehnte deutsche Urlauber hat im vergangenen Jahr eine Ayurvedakur gebucht. Nicht eingerechnet jene Gäste, die sich kurzfristig in einem Hotel mit angeschlossener "Gesundheitsabteilung" zu einer "Schnupperkur" anmeldeten. Doch richtig authentisch wird die uralte Wissenschaft, "ayus" heißt Leben - meist nur in Häusern praktiziert, die ausschließlich Ayurveda-Gäste aufnehmen. Auf dem Weg zum Einklang von Körper, Geist und Seele nehmen sie gerne auch einige Einschränkungen in Kauf. So sind während der mehrwöchigen Kur Fleisch, Alkohol und Kaffee verpönt. Stattdessen wird nach Absprache mit dem Arzt eine individuelle Diät ausgearbeitet. Sie ist Teil der "Panchakarma-Kuren", die den Körper systematisch entgiften. Dringend raten die Ayurveda-Ärzte davon ab, nach bestimmten Behandlungen in die Sonne oder ins Wasser zu gehen, um die Temperatur der Körperflüssigkeiten nicht zu verändern.
Um meine stadtgestressten Nerven zu besänftigen und gelegentliche Migräneattacken zu bekämpfen, entscheide ich mich im "Ayurveda Hotel Aida" in Bentota für eine Anti-Stress-Kur. Da jeder Mensch aus drei Doshas - Vata, Pitta, Kapha - besteht, soll ein Fragebogen ermitteln, zu welchem Typus ich gehöre. Pulsdiagnose, Gewohnheiten, Bewegungen, ja, selbst die Farbe der Zähne geben Aufschluss. Entschossenes Auftreten und schnelles Sprechen haben Chefarzt Dr. Nandasena Nalaperuma bereits verraten, dass ich ein "Pitta-Typ" bin, versetzt mit einem Schuss Vata. Zwar wach und voller Tatendrang, aber zu unruhig, lautet die Diagnose. Ich fühle mich durchschaut und reihe mich ein in die Bademantel- und Turbanbetuchten.
Von nun an folgt eine Reihe höchst wohltuender Behandlungen. Ölmassagen, ohne Hast durchgeführt. Warme, mit Milchreis und Tinkturen gefüllte Beutel sanft auf die Haut geklopft. Kräuterpackungen, ohne Zeitbegrenzung genossen. Mit Stirngüssen das Mühlrad kreisender Gedanken abgestellt. Und alles mit einem Ziel: Mein überdrehtes Gemüt wieder auf Normalnull einzupegeln.
Einmal am Tag entführt die Königin aller Anwendungen - Pizzhichil - ins Reich der Sinne. Ich liege entspannt in einer Holzwanne. Absolut synchron arbeiten sich vier Hände über beide Körperhälften, eine ganze Stunde lang. Hektik? Zum Fremdwort verkommen! Zeitdruck? Zehn Flugstunden entfernt! Schlafmittel? Tiefenwirksam durch das Rauschen des Ozeans, Kräutertees, Yoga, Massagen und Meditation ersetzt!
Der Reiseanbieter Lotus Travel legt wert auf authentische Behandlungen. Zum Beispiel im "Eva Lanka Resort" am Unakuruwa Beach, einem der schönsten Strände im Süden. Ein buddhistischer Mönch eines nahe gelegenen Tempels führt die Gäste in die Meditation ein. Fachärztin Dr. Susila behandelt Frauenleiden, Dr. Ayamini ergänzt ayurvedische Behandlungen durch Akupunktur.
Nach kühlem Kalkül rechnet sich eine Ayurveda-Kur in Sri Lanka allemal, selbst wenn man Flug und Hotel dazu rechnet. Im Sommer werden die Preise nochmal gesenkt, und wenn der Monsun stundenweise warmen Tropenregen bringt, wirkt eine Anwendung doppelt so entspannend. Das warme Klima und die wohltuende Ruhe, tragen entscheidend dazu bei, dass sich so manches nervende Zipperlein im Handumdrehen verflüchtigt.
Abschlussuntersuchung bei Dr. Nallaperuma. Mein quecksilbriges Pita-Dosha hat sich inzwischen in Richtung gelassenes Kapha bewegt. Mit einem Koffer voller guter Ratschläge, pflanzlicher Pülverchen, Tinkturen und Tees verlasse ich das Tropenparadies.
Beim Lotus Travel Service kosten zwei Wochen mit Flug/VP inklusive Panchakarma-Kur im "Eva Lanka Resort" ab 1698 Euro;
Dagmar Gehm
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