|
Cosmopolitan
Zeitraum: Juni 2004
Auflage: 487.491
Zur Quelle der Ruhe
Da ist es wieder. Jemand macht einen Long Distance Call auf seinem Handy. Und das um sechs Uhr morgens. Ting-ting-ting-tang-ting dringen die Wahltöne an mein Ohr. Wie soll ein Mensch dabei schlafen? Allerdings ist die Temperatur unter unserem Moskitonetz ohnehin schon auf 30 Grad angestiegen. Also rein in die Flipflops und raus auf das Deck unseres Hausboots. Der Übeltäter sitzt oben auf einem Baum und wählt gerade zum zehnten Mal in die USA. Er hat ein türkises Federkleid und einen XL-Schnabel. Wir nennen ihn den "Handy-Vogel" - weil er genauso klingt. Polyphone Klingeltöne kanner aber auch. Egal, es sei ihm verziehen, schließlich ist er nur ein kleiner Störfaktor mitten im Paradies. Langsam gleitet das Boot auf einem schmalen Kanal mitten durch einen Wald von Palmen und Hibiskusblüten. Das Wasser liegt ruhig da und spiegelt die aufgehende Sonne. Südindien, denke ich, wer hätte gedacht, dass es hier so schön sein kann.
Zugegebenermaßen sind die Voraussetzungen dafür optimal. Begonnen hat unsere Entdeckungstour standesgemäß im Luxushotel "Somatheeram", eine halbe Stunde von Trivandrum, der Hauptstadt des Bundesstaates Kerala, entfernt. Das "Somatheeram" ist eine Mischung aus Strand-Resort und Ayurveda-Center und zieht junge Touristen an, die sich hier de luxe regenerieren. Die Gartenlandschaft, der Privatstrand und die Ayurveda-Kuren sorgen für Entspannung pur. Zusammen mit meinem Freund Andreas liege ich den ganzen Tag am weißen Sandstrand und schaue in die Ferne. Im Wasser tummeln sich Korallenfische und Millionen Krebse - die perfekte Kulisse für unseren Touren-Start in das Märchenland Südindien.
Ein Lächeln kommt zigfach zurück
Nach ein paar Tagen Ruhe stehen wir gespannt am Ausgang unseres Hotels und warten auf Sandosh, unseren Fahrer. Stolz fährt er seinen weißen Ambassador vor, die eleganteste Taxisorte Indiens mit runden Formen und plüschiger Innenaussattung. Wir bewegen uns nach Norden, durch eine atemberaubend schöne, tropische Landschaft. Die Straße führt durch kleine Orte mit Mini-Läden am Wegesrand, geschmückten Elefanten, Ochsenkarren und knatternden Motor-Rikschas. Kerala gehört zu den reichsten Teilen Indiens und hat die höchste Beschäftigungsrate. Das merkt man. Anders als in Nordindien herrscht hier keine Not, die Leute sind freundlich und neugierig. Das einzige Problem ist der Verkehr. Meine guten Nerven die mich in Chaos-Städten wie Nepal oder Kairo immer begleiten, haben sich für die nächsten Tage frei genommen. Fassungslos schauen wir alle drei Sekunden dem Tod ins Auge, meist in Form eines bunt bemalten LKWs. Statt auszuweichen, hupt Sandosh und lässt lachend alles auf sich zu kommen. Andreas schreit "Langsamer langsamer", aber seine Stimme hält nur einen halben Tag. Dann ergeben wir uns dem Schicksal und schauen stoisch zur Seite. Zwischendurch halten wir an einem Obststand und probieren die süßen, grünen Bananen. Die wahre Attraktion sind jedoch wir selbst. Die Leute staunen uns mit großen Augen an und verfolgen unsere Bewegungen. Touristen sind in Südindien noch selten. Frauen rufen ihre Kinder und zeigen ihnen die merkwürdigen Sahibs.aber sobald wir lachen, lachen alle zurück. Sicher liegt unser Seltenheitswert auch darin, dass uns so heiß ist. Ab elf Uhr vormittags würde ich jeden Wet-T-Shirt-Test mühelos gewinnen. Die feuchten 38 Grad sind einfach gnadenlos. Die Frauen tragen alle Saris mit Unterröcken und sehen aus wie gemalt. Wie machen die das nur? Immerhin kann man sich in Shops mit Namen "Temptation" oder "Sweet Things" für zwei Euro einkleiden. Und so sitze ich mit Glitzershirt und weiten Hosen frisch durchgelüftet in unserem Ambassador und freue mich auf die anstehende Backwater-Tour.
Gleitend durchs Paradies
Sandosh fährt uns nach Kuttanad, einem Gebiet voller Seen, Kanäle Flüsse und Bäche, den so genannten Backwaters von Kerala. Die eleganteste Fortbewegung durch das Labyrinth sind die Ketti Vallam, altmodische Hausboote mit Oberdeck. Unser Boot, ein Wunderwerk aus Seilen und Holz, wartet schon. Die nächsten drei Tage sitzen wir in bequemen Sesseln auf dem Deck und lassen die dichte, tropische Vegetation an uns vorüberziehen. Wir sind die einzigen Gäste, haben einen Kapitän und einen Koch dabei und genießen das leise Tuckern durch das grüne Paradies. Gemütlich fahren wir an kleinen Häusern, Tempeln, Reisfeldern und Waschplätzen entlang. Das Leben zieht gemächlich vorbei, Schulkinder winken uns von den Brücken aus zu, Flöße pendeln von einem Ufer zum andern. Abends hören wir in der Ferne Musik aus Tempeln und die Rufe von Eisvögeln. Wie von Sinnen sitzen wir bei Vollmond auf dem Vorderdeck, blicken auf die spiegelnde Wasserfläche und ignorieren vor lauter Romantik die Millionen Moskitos. Am nächsten Tag kaufen wir eine XL-Packung Schmerzsalbe. Nichts ist perfekt.
Eine Perle am Indischen Ozean
Der Kapitän bringt uns bis Alleppey, einer Stadt am südlichen Ende des Sees Vembanad. An der Anlegestelle wartet Sandosh. In gewohntem Kamikaze-Tempo fahren wir nach Cochin, der schönsten Stadt Keralas. Sie liegt auf unzähligen Insel und Landzungen und stammt aus einer anderen Zeit. Portugiesen, Holländer und Briten kamen im Laufe der Jahrhunderte hier vorbei und hinterließen eine Stilmischung aus engen Gassen und Kolonialvillen. Wir schlendern durch das Altstadtviertel und beobachten die Fischer an den berühmten chinesischen Netzen. Wir kaufen zwei Fische und lassen sie in einem der Resataurants nebenan grillen. "You buy it, we cook it" steht über dem Eingang. Die indische Küche wird von Andreas heiß geliebt, er bestellt sich alles "extra spicy": ich dagegen lerne, dass es keinen Sinn hat, um ungewürztes Essen zu bitte. Begeistert werden mir die tollsten Speisen aufgetragen, garantiert "not spicy", aber, was soll ich sagen, ich verwandele mich jedesmal in einen feuerspeienden Drachen.
Trotzdem wird Cochin zu einem echten Highlight. In den Gassen von Jew Town reihen sich Antiquitätenläden aneinander. Ich richte ein Kreditkartenmassaker an und erstehe Buddhas, Pashminas, Silberschmuck und einen Koffer, um das Zeug zu transportieren. Beladen mit der Beute fährt uns Sandosh ins "Brunton Boat Yards", ein schickes Hotel im Kolonialstil. Von meinem Bett habe ich den perfekten Blick auf das Meer mit Sonnenuntergang. Schade dass wir morgen so früh raus müssen.
Hoch hinaus
Schon um sieben Uhr düsen wir in Richtung Norden, in den Bundesstaat Tamil Nadu. Sandosh muss das Tempo drosseln, denn wir fahren hoch in die Berge, die Nilgiruis. Die Luft wird kühl und klar, die Palmen verschwinden. In Mettupalayam, einem Bergdorf, lässt er uns raus. Wir steigen um in die berühmte Nilgiri Blue Mountain Railway, eine Zwergeisenbahn aus dem letzten Jahrhundert. Sie fährt im Schritttempo die Berge hoch und gewährt traumhafte Blicke auf Teeplantagen und Eukalyptusbäume. Nach vierstündigem Getucker in einem plüschigen Wagon kommen wir in Ooty an. Die Engländer haben hier ihre schönsten Kolonialvillen hinterlassen, die mit all ihrer Pracht an den Glamour von damals erinnern. Aus den Cottages sind zum großen Teil Hotels geworden, in denen man stilecht dinieren kann. Draußen jedoch wartet der wilde Dschungel. Unsere Bergtour fällt aus, weil ein Tiger unterwegs ist, der schon drei Menschen zum Frühstück verspeist hat. Und da wir nicht als Appetithäppchen enden wollen, sitzen wir lieber auf den englischen Rasen im Liegestuhl und bewundern die Berge von weitem. Next Time!
Ganz ungefährlich jedoch ist der Palast von Mysore. Von Ooty aus fährt uns Sandosh in tausend Serpentinen die Berge hinab. Als wir endlich unten ankommen, fliegen wir ohne Bodenhaftung in die meistbesuchte Stadt Indiens. Mysore ist zwar riesig und chaotisch, besitzt aber stilvolle Gebäude und Boulevards mit Flair. Das Highlight ist der märchenhafte Palast des Maharadscha. Goldene Pfeiler, silberne Decken, Marmortreppen und Kristallmobiliar erinnern an den Reichtum früherer Herrscher. Mit offenem Mund stehen wir vor den Thron, der mit 280 Kilo Blattgold verziert ist. Eine Kulisse wie aus tausendundeiner Nacht. Auf den Boulevards flanieren junge M änner Hand in Hand und winken uns zu. Sie wollen von dem lustigen Paar aus Europa Fotos machen. Jetzt sind wir berühmt!
Ein Monument der Entspannung
Die letzte Station unserer Reise ist schwer zu erreichen. Nicht wegen der Straße, die durch staubiges Land führt und stundenlang geradeaus geht. Sondern wegen der 620 Stufen, die wir einen Berg hochsteigen. Wir befinden uns in Sravanabelgola, sechs Stunden Fahrt von Mysore entfernt. Die irre Hitze lässt und keuchen und fluchen und daran zweifeln, ob sich das hier lohnt. Oben angekommen wird alles gut. Vor uns ragt eine 18 Meter hohe Statue auf, der nackte Gott Gomateshvara, vor tausend Jahren aus einem einzigen Stück Granit herausgeschlagen. Stoisch, in ewige Meditation versunken schaut er auf das Land hinunter und verströmt Weisheit und Ruhe. Indien scheint mehr denn je eine Märchenwelt zu sein, die man zwar sehen, aber nicht verstehen kann. Schade nur, dass dieser Gott der Entspannung so weit weg ist. Bei mir zu Hause könnte er Wunder bewirken.
Ein letztes Mal nehmen wir in unserem Ambassador Platz. Sandosh fährt uns quer durchs Land bis in die Mega-City Bangalore, einem Hexenkessel aus Verkehr und Millionen Menschen. Am Hauptbahnhof steigen wir aus und sagen Good-bye. Wir nehmen den Schnellzug nach Madras. In der First Class ist der Service perfekt, alle halbe Stunde gibt es ein großes Dinner. Leider muss Andreas alles essen, die Schärfe ist der Wahnsinn. Draußen ziehen Felder, Dörfer und Menschen vorbei. Uns packt schon jetzt der Fernweh Groove. Wir haben viel zu wenig gesehen. Dieses Land ist einfach zu groß, am liebsten würden wir die Notbremse ziehen...
Ulla Jacobs
Anbieter:
Lotus Travel Service ist auf Indien spezialisiert, z.B. zweiwöchige
Reise pro Person im DZ inkl. Flug und VP, acht Tage im Hotel Somatheeram mit Ayurveda-Kur und sieben Tage Rundreise, ca. 1.730,- Euro. Drei Tage Hausboot-Tour ca. 159,- Euro pro Person, Tel. 089/ 201 12 88
|