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Elle 

Zeitraum: Juli 2004

Auflage: 337.669

Royal Beauty

Meine Lieblingsgeschichte als Kind war Rudyard Kiplings "Dschungelbuch". Süßer kleiner Mogli gegen gestreiften Urwaldschurken Shir Khan, den Tiger. Nun sehe ich zum ersten Mal Moglis und Shir Khans Heimat. Seitdem die ersten Sonnenstrahlen herausgekommen sind, bin ich, bewaffnet mit Digitalkamera, auf Tigerjagd - unterwegs im holprigen Jeep am wundervollsten Ort der Welt: dem Ranthambore National Park in Rajasthan.

Die Fahrt geht vorbei an schroffen Felswänden und stillen Seen, durch weite, sonnenbeschienene Ebenen. Dramatisch garniert mit den Ruinen eines alten Forts, das weit oben auf dem Bergrücken thront. Genau: King Louis Affenstadt aus dem "Dschungelbuch".

Der Ranthambore National Park könnte Rudyard Kipling zu seinem Werk inspiriert haben. Und Shir Khans Nachkommen leben noch immer hier: rund 40 Tiger, die auf den etwa 400 Quadratkilometern des Parks Zuflucht gefunden haben. Nirgendwo in Indien ist die Chance größer, den Herrscher des indischen Urwalds in freier Wildbahn zu erleben.

Heute allerdings scheint er keine Audienz zu geben. Kein Tiger weit und breit. Zur Entschädigung steht am Wegrand der Hofstaat Spalier: Antilopen, Affenherden, Krokodile unf Pfauen tun ihr bestes, die Besucher bei Laune zu halten. Und später, nach einer Thai-Massage im luxuriösen Oberoi-Hotel "Vanjavilas", wenige Kilometer vom Park entfernt, und einem Thali-Dinner im Innenhof fühle ich mich selbst wie ein König. Oder besser: Maharadscha. Jene mächtigen Fürsten, die Rajasthan vor Jahrhunderten in ein architektonisches Märchenland verwandelt haben. Wie riesige Schiffe ruhen ihre prächtigen Paläste inmitten künstlicher Seen oder tauchen wie eine Fata Morgana aus der sandgelben Einsamkeit der Wüste auf. Der Binnenstaat im Norden Indiens erinnert an ein Bild von Hundertwasser. Zusammengesetzt aus Gold und knallbunten Farben, gewürzt mit extremen Kontrasten. Bitterarm und steinreich. Steppen und Oasen. Einfache Dörfchen und kunstvolle Stadte - all das ist Rajasthan.

Die Schönste im Land: Udaipur, an der Grenze zu Gujarat. Ein kleines Wunder, das frühmorgens beginnt, wenn Udaipurs Häuser und Paläste in leuchtendem Weiß erstrahlen und der Pichola-See ruhig und glänzend wie  ein Zauberspiegel vor der Kulisse des Aravalli-Gebirges liegt. Abends taucht der Sonnenuntergang alles in ein violettes Licht, und im nächtlichen Mondschein verwandelt sich Udaipur in eine silbrige Traumstadt aus Tausenundeiner Nacht. Eine Beauty, die Hollywood in Filmen wie "Der Tiger von Eschnapur" und "Octopussy" als Kulisse diente. Und ganze Filmteams derart begeisterte, dass sie noch Jahre später ihren Urlaub hier verbrachten.

Über den Straße Udaipurs liegt eine unindische Ruhe. Die Atmosphäre ist so relaxt, dass sich Menschen, die aus dem staugeplagten Neu Delhis anreisen, urplötzlich in eine Art indisches Karlsbad versetzt fühlen. Pflichtprogramm: eine Bootsfahrt über den See, Abendessen in einem Dachterrassen-Restaurant mit Seeblick (z.B. "Jagat Niwas Palace" im gleichnamigen Hotel) und ein Rundgang im größten Maharadschapalast Rajasthans, dem City-Palace. In seinem Inneren: ein Labyrinth, das den Orientierungssinn auf eine harte Probe stellt. Hallen, Höfe, unzählige Gänge und Treppchen, die wohl für Zwerge angelegt wurden. Bemalt, vergoldet, mit Spiegeln verziert. Verwirrend und unendlich kostbar. An den Wänden glitt früher nach Rosen duftendes Wasser herab. Dicke Teppiche zierten die Marmorböden, Betten aus belgischem Kristall, silberne Sessel und andere kostbare Möbel die Räume. Manches wunderschön, anderes so kitschig, dass sich Puristen bei diesem Anblick aud dem Fenster strürzen wollten, als wäre der Prunk nicht so eindrucksvoll.

Auch die früheren Herrscher von Jaipur, der eine Flugstunde nördlich gelegenen "Pink City", liebten die große Geste. Im Jahre 1876 ließen sie anlässlich eines Besuchs des britischen Prinzen Albert kurzerhand die komplette Stadt in der Begrüßungsfarbe Rosa streichen. Seitdem hat sich nicht viel verändert. Die breiten Boulevards sind von morgens bis abends mindestens doppelt so belebt wie deutsche Fußgängerzonen am Samstagvormittag. Wer versucht, zwischen Millionen hupender Mopeds, turmhoch beladener Kamelkarren und Lastelefanten die Hauptstraßen zu überqueren, braucht nicht nur Mut und Zeit, sondern am besten auch einen Einheimischen, in dessen Windschatten er blitzschnell auf die andere Seite stürzen kann. Im Zentrum dieses Getümmels: das beliebteste Fotomotiv Jaipurs, der Palast der Winde. Ein verspieltes Bauwerk mit über 900 Erkern und Nischen, das in Wirklichkeit nur aus einer Fassade besteht. Ein gigantischer Wandschirm, der es den Haremsdamen erlaubte, vom Volk unentdeckt das Leben auf den Straßen zu beobachten.

Ein Vorteil, den ich selbst gern nutzen würde. Vor Sehenswürdigkeiten wie dieser ist das Gedränge auf den Straßen besonders dicht. Schlangenbeschwörer locken ihre Tiere aus den Bastkörben, Bettler bitten um Almosen, und Straßenhändler versuchen, ihre Uhren, Blumen und tausend andere Dinge an den Mann zu bringen. Schnell weg hier. Ab in die Gassen des Johari- oder Gewürzbasars, wo sich Schmuck- und Stoffhändler reihen und man hervoragend Souvenirs kaufen kann. Und zwischen märchenhaft gekleideten Frauen, Männern mit Turbanen und bemalten Kühen die turbulenten indischen Straßenszenen genießen. Ein echtes Großstadt-Dschungel-Abenteuer findet am Ende der Geschichte jeder an seinen Platz zurück. Mogli ins Menschendorf, der Tourist heim nach Deutschland. Zufrieden und erfüllt von so vielen Eindrücken wie in keinem anderen Land dieser Welt.

Barbara Stummer

Reise-Informationen

Rajasthan-Rundreise "Maharana-Villas-Deluxe-Tour": zwölf Tage in Oberoi Hotels, Preis pro Person im DZ um 3240,- Euro, über Lotus Travel Service, Tel. 089/ 2011288, www.Lotus-Travel.com. Alle Preise gültig bis September 2004



Infos: Lotus Travel Service, Telefon 089/201 12 88

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