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Welt am Sonntag
Zeitraum: 4. Juli 2004
Auflage: 558.427
Indian Summer in Indien
Als Kolumbus die Neue Welt entdeckte, wähnte er sich an der Ostküste Indiens und sah in den amerikanischen Ureinwohnern Inder. Ein historischer Irrtum, der Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden hat. Während man im Deutschen jedoch zwischen Indern und Indianern unterscheidet, fallen beide Völker im Englischen unter den Sammelbegriff Indians.
Aus dieser sprachlichen Ungenauigkeit zieht der Subkontinent touristischen Nutzen. Dort verwendet man den Begriff des Indian Summer, der wegen der Farbenpracht der nordamerikanischen Wälder im Spätsommer international bekannt ist, um die Nebensaison aufzuwerten. Dann ist es Indien zwar heiß, aber vergleichsweise leer, denn an den Sehenswürdigkeiten stauen sich keine Touristen.
Allerdings sollte man darauf verzichten, sich von morgens bis abends durch Festungen, Mogulgräber und Tempel scheuchen zu lassen. Und man sollte nicht versuchen, ganz Indien, das zehnmal größer ist als Deutschland, in einen Urlaub unterzubringen. Sondern sich für einen kleinen Teil des Landes zu entscheiden, den man dann während der kühlen Morgen- und Abendstunden erkundet; für die heißen Mittagsstunden steht im besten der Hotelpool auf dem Programm. Wir empfehlen den Norden: die Bundesstaaren Rajasthan und Uttar Pradesh.
Dort, in Agra steht Indiens berühmtestes Monument, das Taj Mahal. Wer es in voller Pracht erleben will, sollte früh aufstehen. Wenn die Sonne tief steht, verleihen lange Schatten dem Bauwerk eine ungewöhnliche Tiefe, und der schnell wechselnde Stand der Sonne lässt die Einlegearbeiten an den Außenwänden in bunten Farben funkeln. Kurz nach Sonnenaufgang ist man am Grabmal, das der Mogulkaiser Shah Jahan für seine Lieblingsfrau Mumtaz-i-Mahal errichten ließ, oft ganz allein, besonders in den Sommermonaten. Tagsüber herrscht dagegen oft Gedränge, obwohl der Eintritt - Ausländer zahlen umgerechnet 15 Euro - happig ist.
Es gibt jedoch nicht nur schlechte Zeitpunkte für einen Besuch, es gibt auch ungünstige Perspektiven. Touristen, die den Komplex aus Mausoleum, Garten und Nebengebäuden vom nahe gelegenen, erhöhten Aussichtspunkt betrachten, bekommen einen Eindruck, den der Architekt nie vermitteln wollte. Das ist ähnlich wie bei einer Ballettaufführung: Wer sie aus einem der oberen Ränge betrachtet, dem wird sich die räumliche Staffelung der Tänzer und damit auch das Gesamtkunstwerk kaum vollständig erschließen.
Das Taj Mahal wurde deshalb hinter hohen Mauern geradezu versteckt. Nach dem Willen des Erbauers soll der Besucher das 74 Meter hohe Kunstwerk aus weißem Marmor erst dann sehen, wenn er durch das Haupttor in die Anlage tritt. In der Tat: Von diesem Standpunkt aus sind seine Proportionen perfekt, die Symmetrie wirkt gottgegeben, und die Kuppel scheint eher über dem Gebäude zu schweben, als auf ihm zu ruhen. Vom erhöhten Standpunkt aus wirkt das Taj Mahal jedoch seltsam unförmig, wie eine Zwiebel mit Cocktailspießchen auf einem marmornen Fressnapf.
Zum Glück bietet Agra dem ungeduldigen Kulturtouristen kaum Gelegenheit, einen vorschnellen Blick auf das Taj Mahal zu werfen, weil die Millionenmetropole längst bis an den Fuß seiner Hauptsehenswürdigkeit herangewuchert ist. Einige der wenigen Ausnahmen ist das Rote Fort, der Indische Kreml. Die Palastanlage liegt 1500 Meter südöstlich des Mausoleums und war unfreiwilliger Alterssitz des gestürzten Mogulkaisers. Im sogenannten Gefangenenturm verbrachte Bauherr Shah Jahan seine letzten Jahre, das Grabmal seiner Gattin stets vor Augen, zu seinem Verdruss allerdings nicht aus der symmetrischen Idealperspektive. Die Festung in Agra steht dem Roten Fort in Delhi in nichts nach, sie übertrumpft sie sogar - mit mehr Marmor und einer größeren Feinheit der Intarsien. Der Palast verzaubert seine Besucher noch heute, vergleichbar einem guten Parfüm, dessen Duft auch nach Jahrhunderten noch nicht ganz verflogen ist. Man braucht keine Bilder, um sich vorzustellen, wie seidene Teppiche und Elfenbeinschnitzereien, Goldschmiedearbeiten und Fächer aus Pfauenfedern Leben in den Palast brachten. Das steinerne Skelett der Räume genügt, um die Fantasie zu beflügeln.
Ein weiterer Palast in Agra kann sogar bewohnt werden; das "Oberoi Amarvilas", das schönste Hotel weit und breit, und das einzige in der Stadt, dass einen unverbauten Blick auf das Taj Mahal bietet. Von der Tea-Lounge hat man den besten Blick auf das nur 600 Meter entfernte marmorne Gesamtkunstwerk, das sich majestätisch und perfekt symmetrisch in der Mitte des Blickfelds erhebt, umrahmt von grünen Obstbäumen. Die wuchsen ursprünglich auch direkt neben dem Grabmal, auf jenen ausgedehnten Flächen, auf denen heute Rasen sprießt. Der Boden war damals um mehrere Meter abgesenkt, damit auf dem ebenerdigen Weg zum Taj Mahal nur die Hände anheben musste, um Mangos oder Granatäpfel zu pflücken; genau wie in der muslimischen Vorstellung von einem Paradiesgarten.
Die englischen Kolonialherren hatten jedoch ein anderes Bild vom Garten Eden und sägten die meisten Bäume, die die freie Sicht störten, kurzerhand ab. Stattdessen wurde Gras gepflanzt, das bis heute akkurat gestutzt wird wie in einem englischen Park. Höhere Vegetation wächst nur noch in der Nähe der Außenmauern. Damit haben die Briten das Taj Mahal sozusagen seiner Unterwäsche beraubt, denn so nackt wie heute sollte es sich eigentlich nicht zeigen. Weil jedoch mehr Fotografen als Historiker unter den Besuchern sind, hält sich die Empörung über diesen Akt kolonialer Willkür, begangen an Indiens schönstem Denkmal einer großen Liebe, in überschaubaren Grenzen.
Eine andere architektonische Liebeserklärung steht im benachbarten Rajasthan: der Lake Palace in Udaipur. Der strahlend weiße Palast wurde 1746 unter Maharadscha Jagat Singh II. als Sommerresidenz erbaut und scheint wie ein Schiff im See vor Anker zu liegen. Obwohl Udaipur heute in vielen Reiseführern als schönste Stadt Indiens firmiert, war es für seine Herrscher immer nur zweite Wahl. Chitor, die ursprüngliche Hauptstadt der Reiches, war 1567 in die Händer der Mogulkaiser gefallen. Eine spektakuläre Niederlage, hatten doch die meisten Einwohner im Angesicht der muslimischen Übermacht kollektiven Selbstmord begangen. Sie sollten so lange auf Stroh schlafen und von den Blättern essen, ließ Herrscher Rana Pratap seine Söhne schwören, bis die Stadt der Märtyrer wieder in den Händen seiner Familie sei. Da der Schwur von Generation zu Generation erneuert wurde, die Mogulkaiser sich aber nicht verdrängen ließen, liegt auch heute noch unter jeder Matraze des Palastes ein Strohhalm und unter jedem Teller ein Blatt.
Der Kranz aufgestauter Seen, der Udaipur umgibt, ist nicht nur Teil einer raffinierten Festungsanlage und ein beliebtes Fotomotiv. Er belüftet wegen der kühlen Winde, die über das Wasser ziehen, auch seine Ufer und sorgt für ein angenehmes Klima in der Stadt. Vor allem Indiens herrschende Klasse hatte schon vor vielen Jahrhunderten gelernt, äußerst einfallsreich mit hohen Temperaturen umzugehen. Die Paläste der Maharadschas durchzog ein Netz kleiner Kanäle. Das sorgte für Verdunstungskälte. Einzelne Zimmer wurden gekühlt, indem man Vorhänge aus Stroh vor die Fenster hing. Sie wurden stets feucht gehalten, was schon bei bei einer leichten Brise für eine angenehme Kühle sorgte. Besonders gut sind diese historischen Klimaanlagen in der Festung von Amber erhalten. Die alte Haupstadt der Kachwaha Könige wurde Angang der 18. Jahrhunderts aufgegeben, weil ihre Anlage in einem engen Talkessel Erweiterungen behinderte. Jai Singh II. gründete 1730 rund elf Kilometer entfernt die neue Residenzstadt Jaipur, deren Fassaden durchweg Rosarot gestrichen sind. Zu den bekanntesten Bauwerken der Pink City gehört der Palast der Winde, der eigentlich nur aus einer Fassade mit dutzenden Erkern besteht, aus denen die Haremsdamen durch kleinste Öffnungen das Geschehen auf der belebten Straße verfolgen konnten, ohne sich selbst Blicken von außen auszusetzen. Eine Idee, die sich in den Indian-Summer-Programmen der Veranstalter widerspiegelt: Den Haremsdamen vergleichbar, verschwindet der Urlauber in Hotels und klimatisierten Bussen dezent aus dem Sichtfeld der Inder und genießt Luxus und Exklusivität auf ähnlich hohem Nieau wie Moguln und Maharadschas.
Trotzdem man sollte sich auch mal allein, ganz ohne Reiseleiter, auf die Straßen wagen. Denn der Subkontinent ist weit mehr als die Summe seiner Baudenkmäler: Der Wasserfall des zusammenfliesenden Verkehrs am zentralen Manik Chowk in Jaipur zum Beispiel ist das wahre Indien. Ebenso wie die Blumenverkäufer, die Rosen und Tagetes im Zentrum von Udaipur zu Girlanden knüpfen und daraus echt Opfergaben bereiten. Und wie die lachenden Kinder, die sich in Agra am Rand einer staubigen Straße im Graben waschen. Indiens Realität ist zwar laut und anstrengend, chaotisch und oft deprimierend, aber viel zu bunt und spannend, als dass man sie im goldenen Käfig seines Luxushotels ignorieren sollte.
Veranstalter: Der Indian Summer lässt sich bei Lotus Travel als Gesamtpaket buchen: Zwölf Tage in verschiedenen Oberoi-Hotels kosten inkl. Flug, Transfers, Führung, Eintritt, Frühstück ab 3237,- Euro p.P.im DZ
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