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Münchner Merkur / TZ

Zeitraum: März 2005

Auflage: 221.107

Indien Der Geist am großen Fluss

Acht Wochen nach dem Tsunami landete Autor Christian Deutschländer im Rahmen einer Kreuzfahrt an der Westküste Indiens. Hier stieg er vom riesigen Ozeandampfer auf ein kleines Hausboot aus Seilen und Holz, um damit die Backwaters entlangzutreiben. Manche sagen, dies sei die sanfteste und die eindruckvollste Art, Indien wirklich kennen zu lernen.

Vier Meter über dem Fluss sitzt Raghu in seiner Palme und keltert seinen Wein. Flink ist der drahtige Inder hochgeklettert. Am Gürtel trägt er ein scharfes Beil, ein Tuch und einen kleinen Topf aus Lehm. Raghu ist Winzer, wenn er sein Gebräu zu lange stehen lässt, auch eine Art Schnapsbrenner. Aus dem Saft der Palmen-Blütenstängel gewinnt er tropfenweise sauren Nektar. "Toddy" nennen sie das hier.

Langsam füllt sich der Toneimer. Nach fünf Stunden ist er voll. Wie lange es braucht, bis der Inhalt die  richtige Menge Alkohol enthält ist Raghus Geheimnis. Ein echter Palmen-winzer muss das im Gefühl haben. Denn wer ständig abschmeckt, fällt betrunken vom Baum - zu gefährlich!

Raghus Arbeitsplatz liegt über dem Bamba-Fluss, weit im Landesinneren des Bundesstaates Kerala. Die Palmen säumen die Backwaters, das gewaltige Flussnetz in Südwestindien. Unter sich kann Raghu die Hausboote sehen. Mit ihren geflochtenen Dächern aus Bast und Bambus wirken sie von oben wie schwimmende Riesenschildkröten. Manchmal winken Touristen. Raghu hat nicht oft eine Hand frei, um zurückzuwinken. Er hat zu viel zu tun. Einige Cent nur bekomm er pro Baum und Monat für den Palmenwein, erzählt er. Das ist selbst in Indien nicht viel.

Wer mit dem Boot bei Raghu vorbeikommt, kann den Palmwein probieren. Und fährt dann garantiert in noch größerer Gelassenheit weiter. Flussmöwen, Fischer und die Bilder fröhlich winkender Kinder ziehen vorbei, bunte Kirchen und Tempel. Manchmal wird man Zaungast bei einem Dorffest.

Eine Fahrt mit dem Hausboot auf den Backwaters ist eine geruhsame Reise in einem grünen Labyrinth. Tagelang gleitet das Boot leise brummelnd durch die Landschaft, die nicht ganz Wasser und doch kaum Erde ist. Spät abends, wenn die Sonne hinter den Palmen versunken ist, weisen Ölfunzeln die Richtung. Ein Ziel gibt es nicht, aber ziemlich viel Weg.

1900 Quadtratkilometer umfasst das Netz aus Wasserstraßen, Seen und mit Palmen überdeckten Kanälen. In der tropischen Hitze kühlt nur der Fahrtwind. Doch im Schatten unter den Dächern der hölzernen Hausboote ist es angenehm. Für die Passagiere gibt es Sessel, Betten, sogar Duschen. Bootsführer Ranjan serviert frittierte Bananen, Tee, Hühnchen und einen höllenscharfen Reis.

Eigentlich ist Ranjan ja Rechtsanwalt, doch irgendwann war er seinen Beruf leid, sagt er. Jetzt führt er Touristen über das Wasser, von den Tigern und schwarzen Bären im Landesinneren. Und von den Menschen am Ufer. Sie führen einen harten Kampf mit Wasser und Erde. Jedes Stück Land zwischen den endlosen Wasserarmen ist wertvoll. Fast jedes Jahr überschwemmt der Monsun die Reisfelder. Es ist nicht leicht, hier sein Auskommen zu finden, Dutzende Wassertaxi-Kilometer fernab der nächsten Stadt.

Allmählich entdecken die Einwohner den Tourismus, und die staunenden Touristen entdecken die Schönheiten der Backwaters. Familien bauen ihre Lastkähne zu Hausbooten um, an den Lagunen eröffnen schicke Hotels. Arbeitsplätze im Tourismus sind das Einzige, was die Jugendlichen in der Region halten kann.

Vom Tsunami war in den Backwaters unmittelbar wenig zu spüren. Doch unter den Folgen leiden vor allem die Fischer. Der Absatz ist eingebrochen, die Preise sind niedrig. Und was passiert, wenn die Besucher plötzlich wegbleiben? Ranjan sonst so redselig, blickt still auf den Fluss.

Bisher trägt sich der Tourismus knapp. Wenigstens einmal im Jahr sind alle Unterkünfte ausgebucht. Im August findet das große Schlangenbootrennen statt. Tausende Schaulustige sitzen auf den Bambustribünen am Ufer. Bis zu 105 Ruderer treiben die schmalen, langen Boote Boote an, ein Rennen um die Ehre. Die besten Schlangenboote flitzen mit unglaublichem Tempo über das Wasser, 100 Meter in 15 Sekunden.

An diesem Tag ist es vorbei mit der Ruhe am Fluss, aber nur an diesem einen, Winzer Raghu sitzt auf seiner Palme. Für ein paar Stunden hat er den wunderbarsten Logenplatz in Indien.

Aktuelles Angebot für Indien:

Hausboot Touren (3Tage/2 Nächte ab Trivandrum inklusive Vollpension ab 187 Euro poro Person (läßt sich als Reisebaustein individuell mit einer Indienreise kombinieren) 



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