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Elle
Zeitraum: Juni 2005
Auflage: 350.562
Tausend und einen Tag
...möchte man hier bleiben. Im märchenhaften Süden Indiens. An Goas Traumstränden wird Easy Living wahr, in Karnataka uralte Kultur lebendig.
Oh ja, tatsächlich hat Mister Masterjee das Scheitern von Demi Moores und Bruce Willis Ehe vorausgesehen. Um das noch einmal mit Nachdruck zu bestätigen, nickt Mister Masterjee nicht, wie Europäer es tun würden, sondern er malt auf die indische Art mit dem Kinn eine liegende Acht in die Luft, was ein bisschen so aussieht, als wäre sein Kopf auf einem gut geölten Scharnier befestigt. Mister Masterjee ist 80 Jahre alt und von Beruf Sterndeuter. In seinem mit Büchern vollgestopften Büro im "Fort Aguada Beach Resort" im Norden Goas beantwortet er gegen einen Obolus von 50 Dollar auch meine Fragen zur Zukunft mit geradezu gandhihafter Gelassenheit. Was extrem überzeugend wirkt. Kein Wunder also, dass neben Demi Moore auch andere Hollywood-Stars wie Goldie Hawn oder Richard Gere hier schon persönlich Rat gesucht haben.
Wer nach Indien reist, ist meist ein Suchender. Kein Land hat mehr Götter und mehr Geheimnisse. Und nirgendwo verschmelzen östliche Spiritualität und westliche Lebensart so mühelos wie in Goa. Bis 1961 war das kleinste Bundesland des Vielvölkerstaats portugiesische Kolonie. Mit seinem Mix aus mediterranem Laisserfaire und hinduistischer Gelassenheit wurde es in den wilden Siebzigern zum Sehnsuchtsziel der Hippies. In den coolen Neunzigern feierten hier Technofreaks Trancepartys, und inzwischen überwintern an den kilometerlangen Palmenstränden Kurz- und Langzeitaussteiger jeglicher Couleur. An Indiens schönster Küste findet jeder seine Lieblingsbucht und seine Strandbar, um den Sonnenuntergang zu zelebriere: ideal, um sich langsam einzugewöhnen. Und um sich dann, nach einer Woche Sand und Sonne, der Abenteuerlust hinzugeben. Ich buche eine Tour nach Katnataka, dem benachbarten Bundesstaat Goas, wo einige der interessantesten Kulturdenkmäler Indiens liegen.
Die Fahrt über die dicht bewaldeten Berge ins Landesinnere bringt mich in ein anderes Indien:archaischer, dünner besiedelt, ärmer und ursprünglicher als das kosmopolitische, westlich geprägte Goa, dessen sahneweißen Kirchen, moderne Hotels, stylische Bars und indoportugiesische Villen hinter mir zurückbleiben. Die schmale Straße schlängelt sich durch Zuckerrohr- und Sonnenblumenfelder. Ochsengespanne zuckeln vor uns her, Kühe schlendern gleichmütig über die Fahrbahn, auf der Hunde dösen und grell bemalte Lastwagen gnadenlos alles aus dem Weg hupen, was ihnen vor den Kühler kommt. Dann erreiche ich das weltvergessene Dorf Aihole und bin plötzlich die einzige westliche Touristin. Dabei gibt es hier die ältesten Tempel Indiens. Erotische Reliefs an den Wänden zeigen Frauen mit schmalen Taillen und zärtlich zugreifenden Liebhabern "zur Aufklärung der Betenden", wie mir der Guide erklärt. Entstanden sind sie zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert unter der Chalukya-Dynastie, die auch die nahegelegenen heiligen Höhlen von Badami baute. Steile Stufen führen dort den Berg hinauf, in dessen rote Felswand die Kultstätten gemeißelt wurden. Im Dämmerlicht bewundere ich fein ziselierte Säulen und Fresken des vielarmigen, schlangenumkränzten Gottes Shiva und seiner verwirrend vielen Inkarnationen, während tief unter mir, am Ufer des idyllischen Sees von Badami, Frauen ihre Saris waschen. Selbst die Gegenwart wirkt hier wie eine Reise in die Vergangenheit.
Mein nächster Abstecher führt mich zum Sultansstädtchen Bijapur mit seinen ehrwürdigen Palästen, Parks und Moscheen. In der Flüstergalerie unter der Kuppel eines gigantischen Mausoleums hallen die Stimmen der Schulklassen wider, die hier Anschauungsunterricht in islamischer Baukunst und indischer Geschichte bekommen. Ob ihnen der Lehrer erzählt hat, dass die kriegslüsternen Sultane von Bijapur schließlich auch die großartige Hindu-Metropole Vijayanagar eroberten, letzte Station und Höhepunkt meiner Karnataka-Rundreise?
Hampi gehört zu jenen magischen Orten, an denen man sofort versteht, warum sich Menschen ausgerechnet hier niedergelassen und eines der prächtigsten Königreiche des Mittelalters errichtet haben. Teile des Ramayana-Epos, der großen jahrtausendealten Hindu-Legende, spielen auf diesem heiligen Grund am Ufer eines breiten, träge dahinfließenden Stroms. Das weitläufige, von Hügeln eingefasste Ruinenfeld erstreckt sich in einer fruchtbaren Oase zwischen bizarren, wie von Riesen in die Landschaft geschleuderten Granitbrocken, üppigen Palmenhainen und Bananenplantagen. Per Fahrrad erkunde ich Tempeltürme und Heiligtümer mit filigranen Steinsäulen und tanzenden Göttern, mit Reliefs von Dämonen und mystischen Zwitterwesen, die halb Mensch und halb Tier sind. Ich passiere freskenverzierte Pavillons und Paläste mit achteckigen Badepools, die einst mit Rosenwasser gefüllt und den Frauen des Herrschers vorbehalten waren. Elefanteställe, in denen jedes der Kriegs- und Zeremonientiere seine eigene Kammer bewohnte. Ein seltsamer Frieden und ein zeitloser Zauber von Vergänglichkeit und Wiedergeburt liegt über dem Ort, der zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört.
Zwei Tage später, zurück in Goa gönne ich mir nach der anstrengenden Reise ein Wellnesspaket im "Park Hyatt Goa Resort und Spa" ich lasse mir mit Rosenblütenwasser den Staub von den Füßen waschen und genieße den Duft von Sandelholz und Jasmin. Und frage mich, wie es sich angefühlt haben mag, als Lieblingsfrau des Herrschers Krishnadeva im Bassin von Vijayanagar verwöhnt zu werden.
Bettina Winterfeld
Reiseinformationen:
Karnataka-Rundreise: zu buchen über Lotus Travel München
Beste Reisezeit: November bis März
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