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Vogue

Zeitraum: August 2005

Auflage: 200.000

Ein Fest der Emotionen

Märchenstädte und Moloche, neuer Luxus und alte Not: Indien mobilisiert alle Sinne - und alle Gefühle. Das stärkste: Lebenslust

Im Flugzeug schwirrten Bilder von vielarmigen Göttern, traumschön geschmückten Frauen und Fantasy-Palästen durch meinen Kopf. Eine Stadt in Flammen habe ich nicht erwartet - doch da ist sie. Im Moment meiner Ankunft zündet man in Mumbai Tausende von Opferfeuern an: entlang der holprigen Flughafenstraße, an der Stadtautobahn und auf den Gehsteigen im Nobelviertel. "Heute Nacht beginnt das Farbfest  Holi", erklärt der Taxifahrer. "Um dafür rein zu sein, weden die schlechten Energien des alten Jahres verbrannt." Ich nehme das Omen an und stelle mir vor, wie ich meinen Seelenmüll in die Flammen werfe, um Platz zu schaffen für das Neue. Zwischen 15 und 18 Millionen Menschen leben im ehemaligen Bombay auf etwa 438 Quadratkilometern. Bald scheint es mir so, als ob die Hälfte von ihnen ans Autofenster geklopft und mich angebettelt hätte. Die andere Hälfte gibt sich dem Festritual hin: sich gegenseitig solange mit Wasser zu bespritzen und mit Farbpulver zu bewerfen, bis es selbst fanatischen "Hooligans" zu bunt wird.Das Klischee vom "Land der Gegensätze" - bei Indien ist es wahrlich angebracht. Die beste Methode, die ungeheuren Kontraste der nach China zweitgrößten Nation der Erde zu verkraften, besteht darin, sie zu umarmen. Sich ohne Scheu treiben zu lassen durch staubige Straßenmärkte wie den Chor-Basar, wo Familienziegen inmitten der Waren gefüttert werden, und ohne schlechtes Gewissen durch glamouröse Shoppingzentrenwie die Oberoi Mall zu flanieren. Das neue Indien zückt Handys mit obsessiver Leidenschaft, Businessmänner tragen dreiteilige Designeranzüge und Societyfrauen Louis-Vuitton Taschen zu seidenen Saris, die sie in minimalistisch gestylten Boutiquen kaufen. Vor den Schaufenstern des ultramodernen "Jiva Spa" hat sich eine Menschentraube gebildet: Bollywoodstars produzieren sich hier auf dem Laufband - und telefonieren dabei. Auf der Straße vor dem Studio krümmen sich Krüppel.  Im Luxuszimmer meines Hotels, hingestreckt auf italienisches Leinen, sinne ich dem Kulturschock nach. Wo hört Faszination auf, wo beginnt Zynismus? Kann europäisches Schwarzweißdenken dieser facettenreichen, überbordenden Zivilisation jemals gerecht  werden? Nicht denken, sage ich mir. Sehen, erleben - erfühlen! Nur so lässt sich dieses Land verstehen.

Eine Maschine von Jet Airways entführt mich aus der Realität des Molochs in das Indien der Märchen: Rajasthan. Um Udaipur bedecken Wälder die Täler des schroffen Arawalligebirges, breiten sich blühende Felder zwischen Stauseen aus. Die "Stadt des Sonnenaufgangs" bietet ein betörendes Gassengewirr, dazu Basare und Parks wie aus dem Bilderbuch. Der lieblichste heißt Sahelion-ki-Bari, Garten der Ehrenjungfrauen": ein Bougainvileen-Paradies mit Lotusteichen und Fontänen, die Regengeräusche von Schauer bis Monsun imitieren. Die hießige Mewar-Dynastie rühmt sich eines Stammbaums, der 76 Generationen zurückreicht. Ihre Fürsten bauten den vor mehr als 400 Jahren begonnen City Palace permanent aus, sodass er heute ein ganzes Ensemble höfischer Gebäude umfasst: mit zahllosen Hallen, labyrinthischen Höfen, mosaikgeschmückten Kabinetten. Jeder Ausflug endet unweigerlich am Ufer eines Sees; im Pichola, dem größten von ihnen spiegelt sich das berühmte Seeschloss. Seit Roger Moore hier Octopussy drehte, kennt fast jeder den weißen Prachtbau, was dem hier residierenden "Lake Palace Hotel" zugute kommt. Eine Neuheit ist die Zwölf-Hektar-Anlage des "Udaivillas". Der erst kürzlich eröffnete kuppelgekrönte Komplex mit stillen Gärten und kristallklaren Pools wurde nach dem Vorbild der detailverliebten Mughal-Architektur errichtet: verziert mit Blattgold, Intarsien und handgearbeiteten Säulen. Abends treten Musiker und glöckchenklingelnde Tänzerinnen auf einer Terrasse auf, illuminiert von den Lichter Udaipurs.

Selbst Städte folgen im farbtrunkenen Rajhastan einem Colorcode: Udaipur ist weiß, Jaipur wurde 1876 in der Farbe der Gastfreundschaft gestrichen - und heißt seither "Pink City". Jai Singh II., ein auf Geometrie versessener Maharadscha, verordnete der 1728 gegründeten Stadt ein Gitterwerk rechtwinkliger Straßen. Sie werden beidseitig von Arkaden gesäumt, deren winzige Läden mit üppigen Auslagen locken: bunten Batiken, glitzernden Bettüberwürfen, glänzenden Keramiken, mit Eichhörnchenhaar bemalten Miniaturen. Auch die Anlage des City Palace, den Rudyard Kipling ails "Versailles von Indien" pries, basiert auf dem Rastermuster. Der atemberaubende "Palast der Winde" mit seiner prächtigen Fassade sieht in der Abenddämmerung am schönsten aus, wenn die Sonne die mehr als 900 Erker rosenfarben anleuchtet. Dem wissensdurstigen Jai Singh verdankt Indien auch sein stolzestes Monument der Wissenschaften: eine Sternwarte mit futuristisch anmutenden Instrumenten zur Berechnung der Zeit. 1957 öffnete der damalige Regent "Rambagh Palace" als erstes Palasthotel Indien. Seine Witwe, die 86-jährige Gayatri Devi, wurde einst von Cecil Beaton zur schönsten Frau der Welt erklärt. Die rüstige Dame lebt in einer Villa nebenan und kommt oft auf einen "jump" vorbei. Ich lasse mich von ihr zu einem Sprung zum Aber Fort überreden, auf dem Rücken eines freundlichen Elefanten, der mich die steile Rampe hinauf zu der Bergfeste trägt. Dort erwartet mich ein unvergesslicher Blick auf Indiens Palastkultur inmitten einer bizarren Gebirgslandschaft.

Am nächsten Morgen um fünf breche ich mit einer kleinen Gruppe zum Ranthambore-Nationalpark auf. Fasziniert beobachte ich aus dem müde dahinrollenden Wagen, wie sich Frauen in gelben roten und grünen Saris am Dorfbrunnen mit Wasser übergießen, als ob sie durstige Blumen wären. Frisch geschrubbte Kinder marschieren im Gänsemarsch zur Dorfschule. Weißgekleidete Männer trinken Tee am Straßenrand, oder fabrizieren aus meterlangen Stoffbahnen erhrfurchtgebietende Turbane. Je eintöniger sich die Landschaft gibt, desto trotziger trumpfen Farben und schmückende Accessoires auf. Über und über bemalte, mit Lametta- oder Seidenfransenbehängte Traktoren zuckeln hinter einachsigen Kamel und Ochsenkarren her. Deren Zugtiere gefallen sich komplizierten Rasiermustern im Fell oder zierlich lackierten Hörnern. Die optische Ablenkung hilft, den Terror zu verkraften, der in Indien Verkehr heißt. Frontal entgegenkommende Autos, lebensmüde Fußgänger, und gelangweilt auf der Fahrbahn stehende Kühe treiben meinen Adrenalinpegel in schwindelnde Höhen. Die Ankunft im "Aman-i-Khàs-Camp macht der Qual ein Ende: Unterkunft und Verpflegung sind exquisit, die Stimmung entspannt. Mit Ledermöbeln und Marmorbadewanne ausgestattete Designer-Leinenzelte stehen um den Teich herum. Drinnen und draußen hört man Vogelgezwitscher und Schilfrascheln. Der Nationalpark liegt nur drei Kilometer entfernt; unter anderem offeriert er das kleinste Tigerschutzgebiet Indiens - und die größte Chance, eine der mächtigen Raubkatzen zu sehen. Durch ein imposantes Eingangstor tauchen wir ein; weite Ebenen wechseln sich mit dramatischen Schluchten ab, braunes Unterholz mit glühenden Flame-of-the-Forest-Wäldern. Am Pistenrand zupfen Chinkara-Gazellen die zartesten Blätter von den Büschen, spreizen edle Pfauen ihr Gefieder, setzen übermütige Hirsche zu Scheingefechten an. Eigentlich ein verführerisches Angebot für hungrige Tiger - doch anscheinend hat keines der 28 hier  lebenden Exemplare Appetit. Oder wurden sie alle mittlerweile zu Bettvorlegern und Aphrodisiaka für abergläubische Chinesen verarbeitet? An einer Raststelle gelingt es einem schwedischen Touristen, mich ein wenig zu beruhigen, indem er Fotos von am Vortag gesehenen Tigern auf seiner Digitalkamera zeigt. Nach der Rückkehr ins Camp strebe ich ins Spa-Zelt, wo sämtliche Verspannungen kunstvoll aus meinem Körper geknetet werden. Anschießend tränkt man ihn von den Zehen- bis in die Haarspitzen mit Rosenöl. Ein Glas mit prickelndem Champagner in der Hand, liege ich später am Lagerfeuer, schaue zum Sternenhimmel auf und gestehe mir ein, dass ich noch nie auf höherem Niveau enttäuscht war. Aber es ist ja noch nicht alle Tage Abend.

Doch auch bei der nächsten Tour bekomme ich mein Lieblingstier nicht zu sehen. Frustiert buche ich für den Nachmittag ein Picknick im Ranthambore Fort. Hier ist ein heiliger Ganesha-Schrein untergebracht, der täglich Scharen von Gläubigen anzieht. Ich opfere dem elefantenköpfigen Glücksgott einen Glanz aus Rosenblättern. Im säulenbestandenen Logenzimmer früherer Maharanis verfalle ich anschließend in Prizessinnen-Fantasien - bis mich hysterische Warnrufe exotischer Vögel in die Wirklichkeit zurückholen. Ein gestreiftes majestätisches Etwas gleitet geschmeidig in das Saphirblau des schimmernden Sees und räkelt sich im Wasser. Es ist mir gelungen, einen der berühmtesten Tiger des Reservats zu sichten: "The Lady of the Lake", geschickt von Ganesha!

Meine Euphorie über dieses Erlebnis lässt mich die fünfstündige Autofahrt nach Fatehpur Sikri im Nu vergessen. Die dortige Attraktion: eine vom Mogulherrscher Akbar errichtete Residenz des 16. Jahrhunderts. Hier vergnügte sich der Potentat im Widerschein unzähliger Spiegelmosaike mit seinen 800 Frauen und trieb auf einem im Hofboden eingelassenen Riesenschachbrett seine Spiele mit Sklavinnen als lebende Figuren.

Bis Agra sind es nur noch 37 Kilometer, aber ein endloser Pilgerstrom, angezogen von dem Hindu-Kulturfestival Durga Puja, blockiert die Straße. Trotz 40 Grad im Schatten schwenken Männer laut lachend rotgoldene Fahnen, balancieren gleichmütig lächelnde Frauen im Festtagssari Verpflegungstaschen auf dem Kopf. Auf schrill geschmückten Wagen schieben Großfamilien Götzenbilder und gebrechliche Senioren vor sich her, dazwischen zotteln zahllose Tanzbären und hopsende Rudel von Bettelaffen an roten Leinen. Unser Wagen übt sich im Slalom, bis wir das Tagesziel erreichen.

Das Taj Mahal gilt als das schönste Bauwerk der Welt und als Symbol unsterblicher Liebe. Er ist von jedem Zimmer des Hotels "Armavilas" aus zu sehen. In einer Lichtqualität fast eins zu eins reflektiert die Kuppel den pastellfarbenen Abendhimmel. Dann taucht sie in die Neumondnacht ab und lässt mich mit der Frage zurück, ob dieses glamouröse Baukunstwerk in Wirklichkeit halten kann, was Fotos versprechen?Der nächste Sonnenaufgang brigt die Antwort: Es kann. Das Ereignis Taj Mahal übersteigt alle Erwartungen, löscht sämtliche Reproduktionen und nimmt strahlend den gebührenden Platz in meinem Datenspeicher ein. Mark Twain hatte Recht, als er sagte: "Man kann seine Gefühle nicht im Zaum halten, wenn der Anblick dieser Marmorkugel auf einen einstürmt." Um das unvergleichliche Weiß zu schützen, hat Agra alle Industrieanlagen ins Umland verbannt und benzinbetriebene Fahrzeuge verboten. Im Fesselballon schwebt eine Bollywood-Filmcrew über der Stadt, um Luftaufnahmen für ein Epos zu machen, das die tragische Geschichte von Shah Jahan erzählt, der im 17. Jahrhundert den Taj als Grabmalfür seine Frau Mumtaz Mahal errichten ließ. Das "Armavilas" dankt für die Bauerlaubnis am Ausnahmestandort seinem emissionsfreien Energiekonzept: Strom wird in einem geschlossenem System erzeugt, Abwasser zu hundert Prozent aufbereitet - und die Gäst befördert man im Elektro-Golfcart.

Am Ende der Reise werfe ich mich wieder einem Moloch in die Arme: Delhi, der Mutter aller indischen Metropolen, die stets einen Schleier aus grauem Smog trägt. Vom siebten Stock des "Oberoi" -Hotels aus wirkt das Nebelszenario absurd romantisch. In Bodennähe liefert es den Grund, geschlossene Fahrzeuge mit Klimaanlage für Exkursionen in die zweigeteilte Hauptstadt zu wählen. Im Norden, wo die Freitagsmoschee Jama Masjid steht, ändert Alt-Delhi in einem verworrenen Geflecht enger Gassen dahin, die irgendwann in Hinterhöfen enden. Im Süden dehnt sich Neu-Delhi in schnurgerade Alleen aus, deren Großzügigkeit einst die Briten vorgaben. Darunter liegen die Überreste von fünf oder sechs weiteren Metropolen. Dieser Ort hat so viele Wellen fremder Eroberungen und eigenerAnverwandlungen durchlaufen, dass ein unendlich scheinendes urbanes Prisma daraus entstand. Als aktuellste Facette erweist sich die wachsende Begeisterung für Mode. An diesem Wochenende erregte wieder einmal das TV-Format Lakmè Fashion House die Nation: Im kameraüberwachten Ateliercontainer entwarfen die Kandidaten ihre Kollektionen und amüsierten die Zuschauer mit ihren Rivalitäten. Jurymitglied Donatella Versace nimmt den Sieger jetzt nach Mailand mit - zu einem Praktikum in ihrem Atelier. Im Vorzeigepark Lodhi Gardens bestaune ich einen Friseur, der seinen Kunden auf einem Salonstuhl mitten auf dem Rasen die Haare schneidet. Die gepflegten Wiesen begeistern ebenso, wie ein totes Huhn befremdet, das mit ausgebreiteten Flügeln in einem Busch hängt. Nur die Dämonen des Luxus präsentieren sich ohne Stilbrüche: Es gibt mehr mir verführerischen Pashminas, Taschen und Paillettensandalen gefüllte Läden als Gewürze in einer Currymischung. Und die Designerboutiquen und -restaurants präsentieren sich allesamt pieksauber. Exakt 136 Zutaten sind den Lammküchlein beigefügt, die ich im "Marsala Art" koste: mein letzter Geschmack von Indien. Auf dem Weg zum Airport legt das Taxi eine Vollbremsung hin, weil ein Elefant mit festlich dekorierter Kabine die Zufahrt blockiert. Ein junger Bräutigam schaukelt darin zum Haus seiner Braut. Ein langes Glück - das wünsche ich ihm!

Katharina Hesedenz



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