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Badische Neueste Nachrichten
Zeitraum: August 2005
Auflage: 147.976
Viktorianisches Königreich in den Wolken
48 Stunden lang hat es in Shimla geregnet. Schwere Wolken sacken auf Wildflower Hall, Nebelschwaden wandern ums Haus. Das Resort in 2500 Metern Höhe liegt auf dem ersten Hügel - so bezeichnet man hier derartig bescheidene Erhebungen - des mittleren Himalayas in Mashobra, 400 Höhenmeter über Shimla. Aus den Wolkengebirgen tauchen samtgrüne Bergrücken, die Luft ist so kühl, - wie man es in den Niederungen Rajasthans kaum mehr zu erleben gehofft hatte.
Zu Zeiten des Empires war Shimla sogar Hauptstadt - die am höchsten gelegene der Welt. Die gesamte Verwaltung übersiedelte für das Sommerhalbjahr mit knapp zwei Dritteln der englischen Bevölkerung im Schlepp in die Berge; ein Fünftel der Menschheit wurde von hier regiert. Shimla war der Heiratsmarkt der Kolonie, zwischen den Wolkentürmen blühten Liebeleien und Ränke.
Seit 1972 ist Shimla wieder Hauptstadt: die des Bundesstaats Himachal Pradesh. Die koloniale Vergangenheit ist dennoch lebendiger geblieben als anderswo. Junge Menschen aus ganz Asien besuchen hier Internate - sie kommen einer englischen Erziehung so nahe, wie es außerhalb des Königreichs nur möglich sei, betont stolz ein Absolvent der Sacred Heart Boarding School. Händchen haltende Hochzeitsreisende, die Arme der Frauen schwer von Silberreifen, flanieren über die Mall, jene Promenade, die Rudyard Kipling in seinen "Schichten Geschichten aus Indien" beschrieb.
Vor den Fenstern entfaltet sich unterwegs ein Panorama, so facettenreich wie das Land: von Udaipur im Süden Rajasthans, einer Stadt mit märchenhaften Palästen, interessanten Zwistigkeiten um das Erbe des Maharana-Titels und einem See, der nach mehreren mageren Monsunen ausgetrocknet liegt. Durch Städte und Städtchen, Menschentrauben und Märkte, vorbei an einsehbaren Urinalen, an Karren und an Kühen, denen Jahrhunderte der Verehrung die Gewissheit in die Gene gepflanzt haben, dass sie nur eines zu fürchten haben: dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt. Affen tanzen über Busse und klettern an Fassaden hoch. Von den Bergen ergießen sich die Mülllawinen höher gelegener Städte. Auf der anderen Spur stehen zwei ineinander verkeilte Lastwagen. Über allem liegt der Klang Indiens: durchdringendes Hupen, das den Blinker und das Autoradio ersetzt. Erst oberhalb von Shimla wird es still. 1865 ließ der Privatsekretär des ersten Vizekönigs an der Stelle des heutigen Hotels Wildflower Hall ein gleichnamiges Cottage errichten. Von 1867 bis 1901 diente es als Wochenendhaus der Vizekönige. Dann mietete es Lord Kitchener, oberster Kommandeur der Streitkräfte und leidenschaftlicher Gärtner, der sich selbst gerne im höchsten Amt Brithisch-Indiens gesehen hätte. Er genoß nicht nur den Blick auf die Achttausender in der Ferne. Lieber noch schaute er auf Vizekönig Lord Curzon und seine Lodge im Tal hinab. Dessen Residenz, ein schottisch anmutendes Herrenhaus mit prachtvollem Park und kleinem unterirdischem Gefängnis, beherbergt heute ein Forschungsinstitut. 13 Vizekönige hielten hier Hof. Im Ballsaal mit Sprungfedern, der besonders leichtfüßiges Tanzen ermöglichte, ist heute in der Bibliothek untergebracht; zu besichtigen sind nur die Halle, ein Audienzraum und der Tisch, an dem 1947 die Teilung Indiens beschlossen wurde.
Anderntags reißt der Himmel auf, am Horizont erheben sich schneebedeckte Gipfel. 110 Kilometer Luftlinie von hier liegt Tibet; die Straße dorthin windet sich über 340 Kilometer, erklärt Manjoi Biswas. Er kletterte im Himalaya umher, bis er auf einem Schneefeld in Nepal 300 Meter tief stürzte und 14-mal den Oberschenkel brach. Seither führt er Besucher durch die moderateren Steigungen des Naturschutzgebietes um Wildflower Hall. Manjoi kennt jeden Baum und jede Blume in den "verzauberten Wäldern", wie er sie nennt. Die Zedern halten Insekten fern. Wo sie überwiegen, herrscht völlige Stille - ohne Summen, ohne Vogelzwitschern. Zu hören ist nur das Rauschen des Windes, das hier wie Wasser klingt. Manjoi deutet auf die Himalayan Musk Rose, die nicht duftet, und Cobra Lilies, deren Wuchs eine wütende Kobra imitiert - ein wirksames Mittel, um grasende Tiere abzuschrecken. Sie wissen nicht, dass Schlangen in dieser Höhe nicht vorkommen. Dafür gibt es andere Gefahren: Schwarzbären und Hyänen. Und Leoparden. Manjoi deutet auf die Reste eines Eselskeletts neben dem Pfad. Eigentlich ist es verboten, Kühe und Esel im Reservat grasen zu lassen. Denn ein Leopard, der begriffen hat, dass Haustiere leichter zu jagen sind als Wild, wird sich womöglich als nächstes in den Dötfern umschauen.
Stefanie Bisping
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