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TZ München
Zeitraum: November 2005
Auflage: 146.289
Das Tor zur Glückseligkeit
Du bist ein gefährlicher Mann!" Joni Kencan zieht die Augenbrauen zusammen, auf seiner Stirn bildet sich eine tiefe Falte. Er funkelt sich sein Gegenüber zornig an, geht leicht in die Knie und zieht seine Schulter hoch. Seine Fußspitzen zeigen nach außen, die Hände nach oben. Joni (29) hat sich in einen Krieger verwandelt. Die Dramatik der Situation wird von Gamelan-Musik untermalt, die wie ein wild auf- und abschwellendes Glockenspiel klingt.
Mit sieben Jahren hat Joni begonnen, balinesische Tänze zu lernen. Heute unterrichtet er selbst - nicht nur Landsleute sondern auch Touristen. Wie effektiv das ist? Joni ist ehrlich: Auf die Frage, wie lange der Urlauber denn brauche, bis er den Kriegstanz beherrsche, antwortet er lächelnd: "Vier Jahre, wenn er täglich trainiert." Einen Versuch ist es wert. Denn der Tanz gehört zu Bali wie Tempel und Reisterrassen. Er erzählt Geschichten von Gewalt und Liebe, von Tod und Geburt, von Göttern und Dämonen. Wer Bali verstehen will, muss seine Tänze verstehen.
Wir sind in Ubud, im Herzen der indonesischen Insel. Ubud liegt weit weg von den Touristenzentren Kuta und Legian - rein faktisch etwa 80 Kilometer Luftlinie, eigentlich aber Lichtjahre. Wer nach Ubud reist, sucht nicht nach Balis Kneipen, sondern nach Balis Kunst. Am meisten davon findet er im Arma Resort von Agung Rai, da, wo auch Joni Kencan Tanzunterricht gibt.
Die Geschichte des Agung Rai klingt wie die balinesiche Version des Tellerwächers, der es zum Millionär brachte. Der Sohn eines Bauern hat in Ubud das größte Kunstzentrum der Insel aufgebaut. Er, der als kleiner Junge begann, Bilder balinesischer Künstler am Strand zu verkaufen, ist heute selbst ein namhafter Maler. Als Agung Rai, heute 50 Jahre alt, genug Geld hatte, kaufte er weltweit Werke der großen Künstler seiner Heimat zurück, um sie in seinem Museum auszustellen. Was den Bauerssohn auf diesen Weg lenkte? "Öffne deinen Geist", antwortet Agung Rai. Er hat den Besucher eine steile Treppe hinauf zum Hindu-Tempel Durga geführt. Das ist sein Lieblingsplatz. Von hier schweift der Blick über die weite Ebene. Über den Reisfeldern liegt der Morgendunst. An diesem Ort kann Agung Rai die Philosophie seiner Insel am besten erklären. "Die Menschen sollen in Harmonie leben - mit anderen Menschen, mit der Natur und dem Glauben." Dabei macht er keinen Unterschied zwischen Hindus, Christen und Moslems. Das Arma Resort, das der Maler am Flussufer in Ubud errichtete, ist mehr als nur ein Museum. Es ist Begegnungsstätte für Menschen, die wie Agung Rai ihren Geist und ihre Augen öffnen wollen. In der weitläufigen Anlage gibt es gut zwei Dutzend Gästezimmer. Hier wohnt nicht im Hotel, sondern mittendrin in einem balinesischen Dorf voller Geschichten. Auf einem Teil seines Landes lässt Agung Rai Reis anbauen. "Für Kinder ist es wichtig zu lernen wie Reis wächst." Während er das erzählt legt eine Frau ein Schälchen mit Reis, Blüten und Räucherstäbchen an eine Weggabelung - die Geste vertreibt böse Geister. Agung Rai lächelt. Die alten Traditionen müssen bewahrt werden, das ist das Anliegen des vierfachen Vaters. Als er von seiner Tochter erzählt, wird sein Lächeln breiter: Sie studiert in Australien Informationstechnologie. Traditionen dürfen dem Fortschritt nich im Wege stehen, sondern sollen mit ihm im Einklang stehen. Wenn alles auf dieser Welt so wohlgeordnet wärewie im kleinen schönen Reich des Agung Rai...
Stille Tage im Dschungelbuch
Kertiyasa Bakungan ist 25 Jahre alt, ungewöhnlich groß gewachsen für einen Balinesen und ziemlich cool. Eigentlich ein Typ, den man eher in einer Diskothek der Touristenzentren Balis anzutreffen vermutet. Doch Kertiyasa lebt auf dem Land, im kleinen Dorf Umabian, was übersetzt soviel wie "Haus im Dschungel" heißt. Puri Taman Sari, das Anwesen seiner Familie, ist ein traditionelles balinesisches Gehöft, in dem mehrere Generationen zusammen wohnen.
Die Architektur eines solchen Hofs ist in etwa mit der Anatomie einen menschlichen Körpers zu vergleichen. Der Kopf ist der Ahnenschrein, das Kochhaus und die Reisspeicher symbolisieren die Beine und Füße, an den Armen befinden sich die Schlaf- und Wohnhäuser. So gesehen übernachtet man im Puri Taman Sari also in den Armen. Denn zum Anwesen der Familie Bakungan gehören auch acht liebevoll im balinesischen Stil eingerichtete Gästezimmer. Kertiyasas Vater Agung Prana, ein leidenschaftlicher Naturschützer, der sich an den Küsten im Norden auch für umweltverträgliches Fischen engagiert, hat es sich zum Ziel gesetzt, Urlaubern auf der Insel die Augen für das echte, das authentische Bali zu öffnen. In und um sein kleines Reich sollen sie auf Entdeckungsreise gehen. Darin unterstützen ihn sein Sohn und die gesamte Familie, spazieren mit Besuchern durch die Reisfelder und Dörfer, gehen mit ihnen zum Angeln oder auf den Markt, um anschließend zusammen ein balinesisches Mahl zuzubereiten.
Auch Kertiyasas Großmutter nimmt sich gerne Zeit für die Gäste und zeigt ihnen, wie man aus Blumen und Pflanzenteilen kunstvolle Gebinde fertigen kann. Die Götter lieben solche Geschenke und revanchieren sich, so der balinesische Glaube, indem sie das Tor zur Glückseligkeit ein Stückchen weiter öffnen.
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