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Augsburger Allgemeine

Zeitraum: November 2005

Auflage: 416.220

Im Wolkenkuckucksheim

Es regnet. Ein warmer, leiser Landregen geht auf uns nieder. Dazu Tudor-Fachwerk, Rosenrabatten in romantischen Parks, gotisch-strenge Kirchen, schmiedeeiserne Zäune. Die perfekte englische Kleinstadt im Nebeldunst - wären da nicht die Rikschas, Frauen in bunten Saris, Lastenträger und turnende Affen: Die Kleinstadt Shimla liegt nicht in England, sondern im Norden Indiens. Hierher haben sich vor 200 Jahren die britischen Kolonialherren vor der Hitze des indischen Sommers aus der Hauptstadt Delhi geflüchtet und eine englische Oase mitten im Himalaja geschaffen.

Denn der indische Sommer in Delhi kann buchstäblich atemberaubend sein: Mit Temperaturen bis zu 50 Grad, hoher Luftfeuchtigkeit und mehreren Regengüssen täglich ist die Monsunzeit in Indiens Hauptstadt eine Herausforderung. Heute ist Shimla immer noch ein Refugium für ruhesuchende Reisende und Klimaflüchtlinge aus anderen Teilen Indiens. Also machen auch wir uns auf in den Norden.

Zwischen Delhi und Shimla liegen rund 350 Kilometer- und eine ganze Welt. Wir verlassen die flirrende Hektik der indischen Millionenmetropole per Flugzeug und steigen für die letzten 120 Kilometer in einen Minibus um. Es geht in Serpentinen bergauf in den Himalaja. Wir sind nicht allein unterwegs auf dem Nationalen Highway 22. Lieferwagen, auf deren Ladefläche sich Kohlköpfe türmen, Reisebusse mit müden Männern darin und ihrem Gepäck auf dem Dach, mit Bauschutt überladene Laster quälen sich in einer staubbedeckten Kolonne den Berg hinauf.

 Wer auf vier Rädern nach Shimla will, muss über diese Strecke. Der National Highway 22 ist die einzige größere Verbindung direkt über die mächtigen Berge des Himalaja nach Tibet. Dabei ist der "Highway" kaum breiter als zwei der stinkenden Lieferwägen und voller Löcher - nach einer halben Stunde Fahrt spüren wir unsere Knochen nicht mehr. Auf dem Asphalt liegen immer wieder magere Kühe und schlafende Hunde, die Fahrer hupen und brausen ungebremst um die Tiere herum.

Nach China sind es gerade mal noch 200 Kilometer, als wir Shimla erreichen, Hauptstadt der der "Schneeprovinz" Himachal Pradesh. Wir verlassen nach drei Stunden mit zerschlagenen Gliedern den Bus - und sind in einer anderen Welt. Die Luft duftet wie frisch gewaschen und die stickige Hitze ist einer angenehm lauen Brise gewichen. Immerhin liegt Shimla auf 2200 Metern Höhe, umgeben von dichten Zedernwäldern.

Den britischen Statthaltern gefiel dieses Klima ebenfalls. Der britische Vizekönig Lord Dufferin, ein vornehmer Perückenträger mit Anspruch und Manieren, hatte sich in den Ort mit seiner prächtigen Bergkulisse verliebt und wollte bleiben. Auf einer der zahlreichen Hügeln der Stadt ließ er 1888 einen bizarren Palast aus grauem Stein errichten.Ein weitläufiger englischer Park umgibt das steingewordene England-Klischee. Bis zur Unabhängigkeit Indiens 1947 wurde der ganze Subkontinent von diesem Hügel in Shimla aus regiert - zumindest in den Sommermonaten. Hier residierten die britischen Herrscher über ihre asiatische Vielvölkerkolonie - und damit über rund ein fünftel der damaligen Weltbevölkerung. In einer unscheinbaren Ecke der imposanten Teak-getäfelten Eingangshalle ist ein altertümlicher Sicherungskasten zu sehen - der erste in einem indischen Regierungsgebäude. Von Anfang an hatte der anspruchsvolle Lord Dufferin in seinem Schloß elektrisches Licht und fließend warmes Wasser, in Shimla zu Füßen des Palastes war es in den Hütten der Inder nach Sonnenuntergang dunkel. Grundlegend geändert hat sich daran wenig. Shimla ist eine relativ wohlhabende Kleinstadt; doch armselige Hütten, zerlumpte Kinder, die im Dreck spielen, und erbarmungswürdig dünne Kühe gibt es auch hier. Neben größtem Luxus treffen wir in Indien nur ein paar Ecken weiter auf schlimme Armut. Nur durch gute Bildung haben junge Inder die Chance, ihren Lebensweg zu verlassen, der auch heute noch oft vom strengen Kastenwesen vorbestimmt wird.

Im englischen Schloß ist heute eine Elite-Universität untergebracht. Nur wenige Räume sind öffentlich zugänglich doch in einer kleinen Zimmerflucht ist die jüngere Geschichte Indiens dokumentiert. Hier der runde Tisch, an dem die Trennung von Indien und Pakistan beschlossen wurde, dort Fotos von Mahatma Gandhi und anderen Persönlichkeiten aus der bewegten indischen Geschichte.. Eine Reminiszenz an Großbritannien ist die "Mall", die zentrale Einkaufsstraße und Herz des beschaulichen Shimla. Hier reihen sich Fachwerkhäuser aneinander, gusseiserne Laternenpfähle stehen auf dem Marktplatz, Gässchen schlängeln sich die Hügel hinauf. Hier flaniert man, hier trifft sich die Stadt, hier werden Geschäfte gemacht - auch bei Regen, der in der Monsunzeit unvermeidbar ist: Auf der "Mall" treffen Tudor-Architektur und indische Basar-Geschäftigkeit aufeinander. Seidensaris in den prächtigsten Farben, verschiedenste Baumwollstoffe und Goldborten, tibetisch gemusterte Wollpullover und hauchdünne Pashima-Schals werden hier verkauft - auch bei strömendem Regen. Pferdekutscher kauern schwatzend im Schutz ihrer Tiere an einer Mauer, kleine Mädchen mit tiefschwarzen Zöpfen und roten Schuluniformen hüpfen kreischend durch die Pfützen. Und über allem liegt ein immer währender Dunst, als wäre Shimla mitten in den Wolken. Wenn der Regen die Luft wieder ganz rein gewaschen hat und der Boden dampft, ist die beste Zeit, um das zehn Hektar große Naturschutzgebiet nördlich von Shimla zu erkunden. Wasser tropft noch von den dichten Blättern des Unterholzes, die Zedern verströmen ihren eigenartigen Duft. Flechten hängen von den Baumriesen wie lange Bärte. Während unserer ganzen Wanderung herrscht geheimnisvolle Stille: Kein Insektensummen ist zu hören, kein Vogelzwitschern. Wie kann ein Wald so still sein? Das Harz der Zedern wirkt als natürlicher Schutz der Bäume vor gefräßigen Insekten, erklärt unser Führer Manjoi Biswas, sie mögen den Geruch nicht. Manjoi arbeitet als Marketingdirektor eines Hotels - doch sein Herz gehört der Natur. Der schmale dunkelhäutige Mann war Extremsportler, bestieg etliche Himalaja-Riesen, entwickelte Wander-, Rad- und Kajaktouren rund um Shimla und kennt jede Blume, jedes Kraut seiner Heimat. Er zeigt uns Kobra-Lilien, winzige grüne Orchideen, rosa blühenden Storchenschnabel und wilde Erdbeeren. "Sehr viele Pflanzen, die in Europa heimig geworden sind, stammen aus dem Himalaja", erklärt er. Rittersporn, Enzian, Klee und Prunkwinden haben hier ihre Heimat. Auch Luchse und Leoparde, schwarze Bären und Hyänen sind in den Hügeln Shimla zu Hause. Sie reißen immer wieder Kühe und Esel, die sich in den Wald verirren - oder von ihren Besitzrn illegal dorthin getrieben werden. Hier gibt es besseres Futter, doch die Weide ist gefährlich. Muli-Knochen am Wegrand erzählen von dramatischen Begegnungen mit Leoparden und Hyänen. Wanderer seien noch nicht von wilden Tieren angegriffen worden, behauptet Manjoi Biswas, trotzdem dürfen Menschen die Pfade durch das Naturschutzgebiet nur nach Anmeldung oder mit einem zugelassenen Führer betreten. Trotz des Ortes auf etwa 2200 Metern über dem Meer ist es angenehm warm. Kein Wunder, dass sich europäische wie indische Herrscher im Sommer nach Shimla zurückzogen. Auf dem Tisch vor uns duften goldgelbe Mangos, frischer Tee dampft in zarten Tassen. Wir sind umringt von den bewaldeten Bergen des mittleren Himalaja, und ab und zu spitzt am Horizont ein schneebedeckter Gipfel zwischen den Wolken hervor.

Monika Semm          



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